Jahr: 2014

Humor und Kunst?

Dieser Frage geht das ACC in Weimar noch bis zum 28.12.2014 in seiner Ausstellung“Does Humor Belong In Art?“ nach. Installationen und Videos lassen uns unsicher zurück, ob sich die Gegenwartskünstler selbst immer ernst nehmen. Ein nicht unwichtiger Hinweis für sich noch unsichere Besucherkandidaten erscheint mir dabei, dass das ACC-Cafe nun auch von der Kuchenmanufaktur Koriat beliefert wird.

Abschied

Die Brille liegt noch auf dem kleinen Tisch neben seinem Sessel, dabei zwei Bücher, einige Prospekte und Zeitschriften. Eine Schere, sein letztes Arbeitsgerät, ist zu sehen. Ich nehme seine letzten Bücher in die Hand, ein Buch mit Texten über das Sterben und ein Taschenbuch mit Aufsätzen von Jürgen Habermas – kleine Essays zu Aktualität von Denkern des 20.Jahrhunderts, Theodor Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Gershom Scholem und ja, Ernst Bloch… 1954 beginnt in Leipzig mein Vater als ein junger Mann Medizin zu studieren. Über seine Zeit davor höre ich kaum etwas von ihm selbst. Meine Mutter erzählt mir von seinen Erlebnissen in der Dresdner Bombennacht im Februar 45, von seiner geliebten Großmutter in Ulm, wohin sie fliehen, im Kontrast dazu von der erfahrenen Lieblosigkeit in seinem Elternhaus in Dresden. Von dem Hunger der Nachkriegswinter, in denen man mangels anderem mit Rizinusöl briet, und der die bürgerliche Fassade der Arztfamilie bricht. In Leipzig angekommen, wird er sich eine Eintrittskarte für ein Konzert von Louis Armstrong vom Mund absparen und wochenlang deswegen nur Senfbrote verzehren.

Bericht von Michel Reimon über die Hilfsflüge zu den Jesiden

In unserer schnelllebigen Zeit und dem Hetzen nach immer neuen Nachrichten aus den Krisengebieten bleiben wichtige Berichte oft nicht lange im Focus. Nachfolgender Bericht des grünen EU-Abgeordneten Michel Reimon (Österreich) gehört m.E. zu denjenigen, die uns lange im Gedächtnis bleiben sollten. Gerade solche authentischen Bildern sind notwendig, um uns zu informieren und um Entscheidungen vorzubereiten. Danke an Michel Reimon dafür.

Genähte Bücher und andere Kleinode – der Berliner Kleinstverlag „Katzengraben-Presse“

Aller zwei Jahre kann sich der Buchliebhaber auf die Buchkunstausstellung im Reithaus an der Ilm in Weimar freuen. Hier wird das Buch selbst zum Kunstobjekt. Auch auf der Leipziger Buchmesse gibt es jedes Mal eine besondere Abteilung, die der künstlerischen Buchgestaltung gewidmet ist Präsent ist jedes Mal Christian Ewald mit seiner Katzengraben-Presse, und ein Besuch seines Standes ist mittlerweile meine gute Gewohnheit. Christian Ewald, 1949 in Weimar geboren und dort am Rand der Stadt aufgewachsen, ausgebildeter Schriftsetzer und nach mehreren weiteren Etappen studierter Graphiker in Berlin, verfertigte zunächst in DDR-Zeiten handgeschriebene Bücher. Am 2. Oktober, 23:59 Uhr, wagte er gemeinsam mit Jan Silberschuh den Schritt ins Verlagsleben – 999 Exemplare der „Ostberliner Treppengespräche“ erschienen als definitiv letztes in der DDR verlegtes Buch. Seit dieses Jahr erfreut der Verlag, der seinen Namen übrigens von der Straße, an der er beheimatet ist, in Köpenick erhalten hat, mit einer ganzen Reihe von vorzüglich gestalteten Büchern in einer je 999fachen Auflage, davon 99 Exemplare mit einer Vorzugsgrafik, die Normalausgabe zum Preis – Achtung – von je 98 Euro. Zweimal …

„Ins Arbeitslager!“ – ein Bericht über eine verhinderte Opferehrung im KZ Ravensbrück 1985

Die DDR gilt für viele bis heute als ein konsequent antifaschistischer Staat. Dass dies nur eine einseitige, selektive Sicht ist, haben Menschen, die zu dieser Zeit unabhängig vorgegebener Muster Fragen nach der Vergangenheit stellen und Opfern des Faschismus gedenken wollten, schmerzlich erfahren müssen. Der nachfolgende Bericht von Frauen, die die lesbischen Gefangenen im KZ Ravensbrück ehren wollten, hat mich damals sehr bewegt, den Mut der Frauen bewundere ich bis heute. „KZ RAVENSBRÜCK“ Bericht betroffener Frauen über ihre Versuche Opfer des Faschismus zu ehren   Zum zweiten Mal haben Frauen die Erfahrung machen müssen, daß es unmöglich zu sein scheint Opfer des Faschismus zu ehren. Am 10.03.1984 hatte der Arbeitskreis homosexuelle Selbsthilfe Berlin – Lesben in der Kirche – anläßlich des Frauentages eine Fahrt nach Ravensbrück angemeldet, und durch ein Rückschreiben auch genehmigt bekommen. Nach Besuch der … (unleserlich) waren dann der Kranz, den sie niedergelegt hatten, und ihre Eintragung im Besucherbuch entfernt worden. Auf ihre Eingabe hin wurde ihnen u.a. mitgeteilt, daß es jedem Bürger der DDR als Privatperson möglich wäre, Opfer des Faschismus zu …

Der Blog ist online

Willkommen liebe Leserinnen und Leser! Nachdem ich mich nun längere Zeit mit den Gedanken, diesen Blog zu eröffnen, getragen habe, ist es nun soweit. Ab heute ist er öffentlich erreichbar. Ich werde auf dieser Seite in unregelmäßigen Abständen Beiträge zu den Bereichen Politik und Kultur veröffentlichen, meist etwas abseits meines Tagesgeschäfts als bündnisgrüner Kommunalpolitiker in Jena. Es soll Gelegenheit sein, dem einen oder anderen Gedanken etwas mehr nachzuhängen, Positionen etwas gründlicher darzustellen, aber auch weniger Bekanntes und trotzdem Anregendes mitzuteilen. Die Themen werden querbeet, manchmal auch alltäglich sein, der Stil mal ernst, mal ironisch, mal sarkastisch.

Strand mit Verschleierten

Nahöstliche Irritationen

„Mein Vater ist auch ein Märtyrer!“ ruft B. in den Raum. Wir stehen in seinem Elternhaus in Beit Jala und betrachten seine Bilder, seine Sicht auf die Menschen in Palästina. „Die Entscheidung“ heißt eines, eine nackte schwangere Frau zwischen zwei Männern. Er kann es nicht ausstellen, zu viele Tabus seiner Umgebung bricht es gleichzeitig. Wir sprechen über den Konservatismus der palästinensischen Gesellschaft, die Hoffnungslosigkeit der jungen Leute, die Zwiespältigkeit in seinem Land. Ich erwähne eine Begebenheit meines letzten Besuchs zur Unterzeichnung des Städtepartnerschaftsvertrags von Jena und Beit Jala. Zu Beginn der Zeremonie erklangen die jeweiligen Hymnen, alle hatten sich im Rathaussaal von ihren Sitzen erhoben. Da sagte der Bürgermeister auf einmal, dass wir nun der Märtyrer gedenken. Uns sträubten sich die Gedanken im Kopf. Waren das nicht die Bombenbauer? Sollten wir jetzt Selbstmordattentätern Ehre erweisen? Hinsetzen ging nicht, ein zu großer Affront, Stehenbleiben aber auch nicht. Wir fühlten uns benutzt. Falsch – sagt B., Märtyrer seien alle Toten des Konfliktes. Sein Vater kam während der ersten Intifada eines Abends von der Arbeit nach Hause und …