Monate: Januar 2015

Astel – ein Nachtrag

Sommer 1998. Ich sitze in Arnstadt in der Eisdiele am Stadtpark, Erinnerungen an meine Kindheit in dieser kleinen Stadt nachhängend. Der Gastraum ist voll. Ein altes Paar kommt an mein Tisch, beide im Sonntagsstaat, er blind. Ob noch Plätze frei wären, werde ich gefragt, und ich bejahe. Ein kleines Gespräch beginnt, während wir unser Eis schlürfen. Anfangs eine leichte, unverbindliche Sonntagsunterhaltung, dann auf einmal ganz ernst. Ich weiß heute nicht mehr, wie wir auf dieses Thema gekommen sind… Mein Tischnachbar war Sozialdemokrat. Nach dem Novemberprogrom 1938 wird auch er verhaftet, in Arnstadt werden gleich mehrere bei den Nazis als politisch unzuverlässig geltenden Personen zusammen mit Juden weggeschafft. Er selbst kommt nach Buchenwald. Kurze Zeit nach der Inhaftierung wird er mit ca. 20 anderen KZ-Insassen auf einen LKW verladen und nach Weimar gefahren. In einem leeren Raum müssen sie in einem Kreis Aufstellung nehmen. Dann betritt ein Mann den Raum und stellt sich in ihre Mitte. Auf sein Geheiß müssen sie die Schuhe ausziehen, und dann beginnen sie, im Kreis zu laufen. Der Mann macht sich …

Zuhören – Anuar Brahem

Noch ein paar Sekunden innehalten. Noch schwingen die sanften Töne. Noch ist der Gedanke irgendwo zwischen Mittelmeer und Wüste beheimatet. Noch schwebt das Gefühl in freundlicher Wehmut. Ich werde auf meinem Blog eine kleine Serie beginnen, die Musiker mit Wurzeln in Nordafrika und dem Nahen Osten vorstellen soll. Mancher mag den einen oder anderen Namen gehört haben, vielleicht auch ihre Musik kennen. Im Zentrum der musikalischen Wahrnehmung standen sie jedoch zumindest in meinem Freundeskreis mit wenigen Ausnahmen nicht.  Eine kleine Anregung in einer bewegten Zeit von Flucht, Mord und Hass, gar nicht einmal als politisches Statement – oder vielleicht gerade doch. Vielleicht sollten wir ihnen einfach zu hören, sich von ihnen beschenken lassen, ihre eigene Tiefe, Melancholie und Heiterkeit ergründen. Vielleicht entsteht eine Neugier auf Unbekanntes, das noch nicht von  Nachrichten und Vorurteilen festgeschrieben ist. Beginnen möchte ich mit Anouar Brahem, der schon lange in der arabisch-französischen Jazzszene etabliert ist, auch wenn er für sich selbst dieses Label eher nicht verwendet.

Revolution in Leipzig

Nicht in unserem Namen?

Im letzten Jahr hat sich die bundesrepublikanische Friedensbewegung in der Ukrainekrise zu Wort gemeldet. Höhepunkte war wohl die Demonstration vor dem Bundespräsidentenamt gemeinsam mit neuen Verbündeten aus den Reihen der neurechten Montagsmahnwachen. Zeitgleich haben viele bekannte Namen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien auch jenseits des klassischen Bewegungsklientels den Aufruf „Nicht in unserem Namen“ verfasst und unterzeichnet haben, die die westliche Politik in der Sache kritisiert (hier nachzulesen). Dies beschäftigt jemanden wie mich, der in der unabhängigen kirchlichen Friedensbewegung der DDR aktiv war, sehr. Statt eines eigenen Beitrages dokumentiere ich jedoch einen Leserbrief von Michael Kleim aus Gera an die TAZ zum genannten Aufruf. Er kann – in aller Kürze – wohl meine Position mit am besten wiedergeben:

Danach …

Bis in die letzten Tage des vergangenen Jahres hat uns nun der Tod begleitet. Mir ist in dieser Zeit der Text meiner ersten Predigt, die ich in meinem Studium gehalten habe, wieder in die Hände gefallen. Das ist über zwanzig Jahre her, manches Detail würde ich heute anders formulieren. Vielleicht mag sie trotzdem beitragen, Dinge abzuschließen und das neue Jahr anders zu beginnen, als das alte. Ich widme den Text meinem Freund Kristian.  

Das verlorene Bild

Als vor einigen Wochen der fünfte Jahrestag der Wiedereröffnung der Villa Rosenthal als kultureller Begegnungsort gefeiert wurde, stand ein Bild im Zentrum der Festreden. Letztes Jahr wurde das lange verschollene Porträt von Clara Rosenthal wieder entdeckt. Insbesondere ausdauernde, verdienstvolle Recherchen von Stephan Laudien führten letztlich dazu, dass das Bild im Erzbistum Paderborn wieder aufgefunden werden konnte. Das Werk des Malers Raffael Schuster-Woldan gelangte im letzten Frühjahr als Geschenk der Kirche wieder nach Jena, nun hat es seinen würdigen Platz im Salon der Villa wiedererlangt. Die Begeisterung, die der Fund auslöste, ist wohl nicht nur dem Umstand geschuldet, dass nunmehr sich mit Clara Rosenthal ein Gesicht verbindet. Es ist auch die Heimholung eines Ideals einer bürgerlichen Existenz in Jena. Weitläufig gebildet, elegant im Reden und Schreiben, eines offenes Haus pflegend, Künste fördernd, Liberalität verströmend – so wird die Hausherrin, aber auch ihr Mann verehrt. Dies verbindet sich mit dem Schauder und der Scham, die das Schicksal Claras hinterlässt. In der Nazizeit als Jüdin in Jena immer mehr isoliert, immer stärkeren Versuchen, sie aus ihren Haus zu …