Alle Artikel in: Geschichte

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Astel – ein Nachtrag

Sommer 1998. Ich sitze in Arnstadt in der Eisdiele am Stadtpark, Erinnerungen an meine Kindheit in dieser kleinen Stadt nachhängend. Der Gastraum ist voll. Ein altes Paar kommt an mein Tisch, beide im Sonntagsstaat, er blind. Ob noch Plätze frei wären, werde ich gefragt, und ich bejahe. Ein kleines Gespräch beginnt, während wir unser Eis schlürfen. Anfangs eine leichte, unverbindliche Sonntagsunterhaltung, dann auf einmal ganz ernst. Ich weiß heute nicht mehr, wie wir auf dieses Thema gekommen sind… Mein Tischnachbar war Sozialdemokrat. Nach dem Novemberprogrom 1938 wird auch er verhaftet, in Arnstadt werden gleich mehrere bei den Nazis als politisch unzuverlässig geltenden Personen zusammen mit Juden weggeschafft. Er selbst kommt nach Buchenwald. Kurze Zeit nach der Inhaftierung wird er mit ca. 20 anderen KZ-Insassen auf einen LKW verladen und nach Weimar gefahren. In einem leeren Raum müssen sie in einem Kreis Aufstellung nehmen. Dann betritt ein Mann den Raum und stellt sich in ihre Mitte. Auf sein Geheiß müssen sie die Schuhe ausziehen, und dann beginnen sie, im Kreis zu laufen. Der Mann macht sich …

Das verlorene Bild

Als vor einigen Wochen der fünfte Jahrestag der Wiedereröffnung der Villa Rosenthal als kultureller Begegnungsort gefeiert wurde, stand ein Bild im Zentrum der Festreden. Letztes Jahr wurde das lange verschollene Porträt von Clara Rosenthal wieder entdeckt. Insbesondere ausdauernde, verdienstvolle Recherchen von Stephan Laudien führten letztlich dazu, dass das Bild im Erzbistum Paderborn wieder aufgefunden werden konnte. Das Werk des Malers Raffael Schuster-Woldan gelangte im letzten Frühjahr als Geschenk der Kirche wieder nach Jena, nun hat es seinen würdigen Platz im Salon der Villa wiedererlangt. Die Begeisterung, die der Fund auslöste, ist wohl nicht nur dem Umstand geschuldet, dass nunmehr sich mit Clara Rosenthal ein Gesicht verbindet. Es ist auch die Heimholung eines Ideals einer bürgerlichen Existenz in Jena. Weitläufig gebildet, elegant im Reden und Schreiben, eines offenes Haus pflegend, Künste fördernd, Liberalität verströmend – so wird die Hausherrin, aber auch ihr Mann verehrt. Dies verbindet sich mit dem Schauder und der Scham, die das Schicksal Claras hinterlässt. In der Nazizeit als Jüdin in Jena immer mehr isoliert, immer stärkeren Versuchen, sie aus ihren Haus zu …

„Ins Arbeitslager!“ – ein Bericht über eine verhinderte Opferehrung im KZ Ravensbrück 1985

Die DDR gilt für viele bis heute als ein konsequent antifaschistischer Staat. Dass dies nur eine einseitige, selektive Sicht ist, haben Menschen, die zu dieser Zeit unabhängig vorgegebener Muster Fragen nach der Vergangenheit stellen und Opfern des Faschismus gedenken wollten, schmerzlich erfahren müssen. Der nachfolgende Bericht von Frauen, die die lesbischen Gefangenen im KZ Ravensbrück ehren wollten, hat mich damals sehr bewegt, den Mut der Frauen bewundere ich bis heute. „KZ RAVENSBRÜCK“ Bericht betroffener Frauen über ihre Versuche Opfer des Faschismus zu ehren   Zum zweiten Mal haben Frauen die Erfahrung machen müssen, daß es unmöglich zu sein scheint Opfer des Faschismus zu ehren. Am 10.03.1984 hatte der Arbeitskreis homosexuelle Selbsthilfe Berlin – Lesben in der Kirche – anläßlich des Frauentages eine Fahrt nach Ravensbrück angemeldet, und durch ein Rückschreiben auch genehmigt bekommen. Nach Besuch der … (unleserlich) waren dann der Kranz, den sie niedergelegt hatten, und ihre Eintragung im Besucherbuch entfernt worden. Auf ihre Eingabe hin wurde ihnen u.a. mitgeteilt, daß es jedem Bürger der DDR als Privatperson möglich wäre, Opfer des Faschismus zu …