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Abschied

Die Brille liegt noch auf dem kleinen Tisch neben seinem Sessel, dabei zwei Bücher, einige Prospekte und Zeitschriften. Eine Schere, sein letztes Arbeitsgerät, ist zu sehen. Ich nehme seine letzten Bücher in die Hand, ein Buch mit Texten über das Sterben und ein Taschenbuch mit Aufsätzen von Jürgen Habermas – kleine Essays zu Aktualität von Denkern des 20.Jahrhunderts, Theodor Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Gershom Scholem und ja, Ernst Bloch…

1954 beginnt in Leipzig mein Vater als ein junger Mann Medizin zu studieren. Über seine Zeit davor höre ich kaum etwas von ihm selbst. Meine Mutter erzählt mir von seinen Erlebnissen in der Dresdner Bombennacht im Februar 45, von seiner geliebten Großmutter in Ulm, wohin sie fliehen, im Kontrast dazu von der erfahrenen Lieblosigkeit in seinem Elternhaus in Dresden. Von dem Hunger der Nachkriegswinter, in denen man mangels anderem mit Rizinusöl briet, und der die bürgerliche Fassade der Arztfamilie bricht. In Leipzig angekommen, wird er sich eine Eintrittskarte für ein Konzert von Louis Armstrong vom Mund absparen und wochenlang deswegen nur Senfbrote verzehren. Am Freitag wird der Rechenschieber ins Pfandhaus getragen, um die Fahrkarte in heimatliche Dresden bezahlen zu können, und montags wieder ausgelöst, wenn die Eltern ihm etwas Geld zusteckten. Doch der Hunger ist nun anders geworden. Neben und statt Medizinvorlesungen drängt er sich in die Hörsäle der Germanisten und Philosophen, um Ernst Bloch und Hans Mayer zu hören, jene Geistesgrößen der damaligen Leipziger Universität. Das große Noch-nicht, das unbekannte Seiende, das zu Erobernde, zu Entdeckende – die Themen der Jugend als philosophischer Entwurf, dem „Prinzip Hoffnung“, was gibt es zu dieser Zeit denn besseres und wichtigeres zu diskutieren? Nein, der Krieg ist noch nicht weit weg, Stalin ist zwar gestorben und wird von Chruschtschow angeklagt, die Panzer 1953 und später 1956 in Ungarn scheinen jedoch anders zu sprechen. Und doch, gerade deswegen und diesem zu Trotz zugleich meinen sie, vor ihnen, der Jugend, liegt das weite offene Gelände und ihre Lehrer legen ihnen ihre Spuren und füllen ihre Gläser mit berauschenden, wissenden Träumen. Um diese Offenheit zu wagen, bedarf es schon den Mut eines Turmspringers, der immer wieder hinauf geht, um sich in die Tiefe fallen zu lassen. Als ich selbst schon Mitte vierzig bin, höre ich das erste Mal, dass er Turmspringen als Leistungssport betrieb und nach einer unglücklichen Landung auf der Wasseroberfläche damit aufhören musste.

Ja, die Landungen. Nach dem Studium liegen die Hoffnungen schon nicht mehr in diesem Teil des Landes, sondern westlicher. Alles ist dafür entschieden, alles bereit und organisiert, nur die Geburt der ersten Tochter und das Wochenbett der Mutter danach soll noch abgewartet werden. Ende Juli 61 ist der Geburtstag, wenige Tage danach versperren unüberwindliche Mauern den Weg. Aus dem Aufbruch in eine erwartete neue Weitläufigkeit wird das Verbleiben in einem nicht nur geografisch immer engeren Land. Diese Erfahrung verändert Lebenseinstellungen. Aus einen Noch-nicht wird ein Was-wäre-wenn-gewesen. Gegen diese Bitterkeit werden eines Tages wir Kinder wiederum aufbegehren…

Fast zwanzig Jahre später begegnet mein Vater einen damaligen Freund wieder, neben dem er auf der Hörsaalbank Bloch und Mayer lauschte. Der ist inzwischen Dozent für Kultursoziologie in Halle und Parteisekretär seines Institutes, mein Vater Oberarzt eines kirchlichen Krankenhauses. Beide Männer schließen sich ein, um anzuknüpfen an die damaligen Diskussionen in Leipzig und um bald wieder zu verstummen in der Erkenntnis ihres jeweiligen unterschiedlichen und doch ähnlichen Scheiterns, dem Angekommensein in der Opportunität, im Privaten und im Vorsichtigen, das ihnen soweit entfernt von ihrem damaligen Lebensgefühl erscheint.

Väterliches Schweigen. Um meinen Vater zu entdecken, erkunde ich seine Bibliothek , die sich zuhause in der großen Bücherwand im Wohnzimmer und immer mehr darüber hinaus ausbreitet. Ich lese Heinrichs Manns „Henri IV.“ wie in Rausch, durchmesse seine Kunstbücher über Expressionismus, lerne die weiße Lyrikreihe vom Verlag „Volk und Welt“ schätzen. Irgendwann stoße ich bei seinen Büchern auf Wolfgang Borchert und lass mich auch durch dieses Lesen als Jugendlicher pazifistisch und politisch radikalisieren, eigenes Tun und Positionen verantworten. Das führt zu heftigen, lange Jahre andauernden Diskussionen über „Verbauen von Zukunftsaussichten“, Absagen an Erwartungshaltungen, Brüchen, Abgrenzungen, neuem Schweigen meinerseits – welch unerwartete Umkehrung der Fronten. Über den Namen Bloch stolpere ich somit auch. Mitte der 80er Jahre liegt dann im Lesesaal der Universität in Halle das erste Mal der erste Band vom „Prinzip Hoffnung“ vor mir, den ein Bibliotheksbürokrat vergessen hatte, im Giftschrank zu verstecken, wohl weil er 1957 noch in der DDR gedruckt wurde. Meine wichtigen Nachrichten an ihm werden nun auch über Bücher gesendet. An einem Weihnachten schenke ich ihm Gedichte von Uwe Grüning. Jahre später erfahre ich, dass er die dort beschriebenen Orte in Thüringen abgefahren ist, um wiederum etwas über mich zu erfahren, mich dort zu finden.

Er bestellt sein eigenes Feld: Er ist ein begnadeter Arzt. Als Orthopäde verlässt er sich ganz auf seine Hände, die alle Befunde zu ertasten scheinen können, noch bevor ein Röntgenbild die Diagnose bestätigt. Und er ist ein Anhänger konservativer Methoden, eine Operation ist nur das letzte Mittel, nachdem Krankengymnastik, manuelle Therapien, Reizstrom, Diäten zur Gelenkentlastung, Bandagen und Schienen zu keinem Ergebnis führen. Doch wenn dann operiert muss, vertrauen sich die Leute gern ihn an: erfahren, handwerklich gut, neuen Methoden aufgeschlossen – die ersten Hüftendoprothesen im Bezirk Erfurt werden von ihm eingesetzt. Er scherzt zu uns Kindern darüber wegen des Schweißes, der bei der schweren Arbeit des Knochensägens ihn so stark über die Stirn läuft, dass eine Schwester während der mehrstündigen Operationen allein dafür bereit steht, ihm diesen regelmäßig abzutupfen. Zuletzt kommen seine Patienten aus ganz Thüringen zu ihm. In unserem Keller stapeln sich die Einmachgläser mit fetter, stark mit Majoran gewürzter Thüringer Leberwurst, die ihm ob Befreiung jahrelanger Schmerzen dankbare Bauersfrauen überreichen. Als er 1988 das Marienstift und drei Jahre später Arnstadt verlässt, bedauern dies viele. Zwei seiner Patienten, die zugleich zu Freunden wurden, werden auch an seinem Grab stehen.

In seinen letzten Jahren kommen andere Grenzen, er kann immer schlechter gehen. Der nun noch abschreitbare Raum wird seine Bücherwelt, in der er immer wieder neu ordnend, in die Hand nehmend, durchlesend und schneidend unterwegs ist. Die Scheren, mit denen er operierte, bekommen eine neue Aufgabe. Die Bücher werden mit Zeitungsartikeln, Fotos und Kopien angereichert, werden dadurch kommentiert und korrigiert. Geländearbeit. Wie offen ist sie noch?

Und jetzt – der Tod. Bloch bezeichnet ihn in seiner „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ als die härteste Gegenutopie. Ich ziehe das Buch aus einem seiner Regale. Auch hier Beilagen. Ganz am Ende finde ich ein von meinem Vater eingelegtes Foto mit der Totenmaske Ernst Blochs. „Wir sind, gewiss. Aber danach schlägt alles um.“ , so schrieb Bloch einmal früher.
Ich schlage die letzte Seite auf. Sie endet mit dem Worten „Principiis obsta, das ist, Treue zum Anfang, der seine Genesis erst noch hat“. Jetzt bin ich wieder ganz bei Dir.

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