Anmut, Bloginterna
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Anmut – einige disparate Streiflichter

 

„Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
dass ein gutes Deutschland blühe,
wie ein andres gutes Land.“
Bertolt Brecht, Kinderhymne

Die Kinderhymne von Brecht war in den Tagen von 1989/90 ein Vorschlag für eine neue gemeinsame Hymne für einen neuen gemeinsamen Staat. Es war jene kurze Zeit, in dem ein Fenster aufgemacht und Geschichte gelüftet wurde. Den Zusammenbruch eines Systems und das Ankommen in einem anderen Land erlebt man wohl nur selten im Leben. Es war nicht das ersehnte Land, auf dem Weg gab es viele andere Möglichkeiten, aber die große Mehrheit der Mitreisenden wollte diese Richtung. Nach über zwanzig Jahren auf diesem Boden haben Mühe und Leidenschaft eigene Spuren hinterlassen. Diese kann man lesen, wie die der anderen auch. Nun gilt das Versprechen der obigen Zeilen dem jetzigen Zustand, auf das Streben und Hoffen vergangener Zeit nicht nur eine Anmutung bleibt.

Als philosophische Kategorie ist Anmut heute veraltet. Man muss schon bis Schiller zurückgehen (und kann ihm in Jena auch nicht ausweichen), um eine ausführliche Darlegung zu lesen – „Über Anmut und Würde“. Anmut, so Schiller, sei nicht naturgegebene Schönheit, sondern wird vom Subjekt selbst hervorgebracht, entsteht durch Bewegung. Und er kommt zum Schluss: „In einer schönen Seele ist es also, wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonisieren, und Grazie ist ihr Ausdruck in der Erscheinung.“

Im alten Griechenland sind die drei Grazien als Begleiterinnen der Aphrodite Ausdruck der Anmut, die „charis“ verkörpernd, jenen Dreiklang aus lieblich erscheinen, sich freundlich zeigen und dankbar sein. Eine Verletzung dieses Dreiklangs ruft die Erinnyen, die Rächenden auf den Plan. Der Althistoriker Christian Meier hat in einem Vortrag „Politik und Anmut“ (der mir erst nach meiner Festlegung des Blogtitels in die Hände fiel) dies mit der athenischen Politik in der klassischen Zeit verknüpft. Das Ideal der Anmut wird politischer Ausdruck der entstandenen demokratischen Polis. Politisch in mehrfacher Hinsicht – versöhnend zu den abgelösten Aristokraten, deren autarkes Leben, das sich in verfeinerter Kultur äußerte, nun von weiten Teilen des Volkes nun selbst gelebt und fortgeführt wird. Es ist der gesellschaftliche Ausgleich – das verbindende Ideal, das jeden einzelnen zugleich sowohl individuell erhöht und als auch zum gleichen Teil der Gesellschaft macht. Eine Politik der demokratischen Verständigung und gemeinsamen Entscheidung wird gelebt. Beispielhaft für Meier die Orestie des Aischylos: Nachdem mit dem Freispruch Orests durch Athenes Mithilfe die neue Rechtsordnung siegt, kann ihre Begleiterin Peitho, die Göttin der Überredung und der Vermittlung, mit „Versöhnungskraft, der Zauberkraft des Wortes, der schmeichelnden Verführung durch die Zunge“ die Erinnyen besänftigen und ihnen zugleich Platz im Neuem gewähren. Charis und Peitho ganz beieinander. Aber Meier idealisiert selbst nicht – die Verbindung von Anmut und Politik der Polis geht mit der gleichzeitigen Ausgrenzung von Frauen, Sklaven und Barbaren einher. Und funktioniert auch nur in der überschaubaren Polis und nicht in übergreifenden zeitlich und räumlichen Prozessen, wo erst der moderne Staat Sinnzusammenhänge herstellt.

Gleichsam ein Gegenentwurf ist bei Peter Weiss in der „Ästhetik des Widerstands“ nachzulesen. Seine fulminante Beschreibung des Pergamonaltars am Beginn, des Kampfes zwischen den griechischen Göttern und den Titanen als politisches Denkmal des Hellenismus für den Sieg über die „Barbaren“, das er als Bild des nur scheinbar siegreichen Kampfes der Herrschenden gegen die aufständischen Unterdrückten übersetzt. Kultur wird nicht als gegeben gesehen, sondern ist einerseits Machtmittel der Herrschenden, andererseits mühsam zu erkämpfendes Gut der Aufbegehrenden. Die Schönheit, an der sich die Besitzenden mühelos laben, müssen die Suchenden, Kämpfenden erst sich aneignen, den anderen abringen, ihren eigenen Ausdruck finden. Ihre Leitfigur ist nicht eine vermittelnde Göttin Peitho, sondern der wankelmütige, fintenreiche Herakles, der auf der Seite des aus der Erde wachsenden Aufstands nur vermutet werden kann. Lediglich sein Löwenfell ist sichtbar, er selbst fehlt und wird zum Hoffnungstopos für die nächsten Kämpfe. Weiss stellt dieses Bild an den Anfang seiner schonungslosen Erzählung und Kommentierung des Weges einer Freundesgruppe im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und zugleich zwischen den Untiefen des damaligen Stalinismus – eine existentielle Beschreibung menschlicher Haltung und politischer Positionierung. Genau dies faszinierte mich damals beim Lesen . Haben einerseits meine germanistischen Freunde in Jena, deren Weg ich 1989 kreuzte, in der Diskussion über dieses Werk ihre marxistischen Utopien aufgehoben gesehen, anderseits meine Gefährten aus der Opposition daraus besonders die erstmals in der DDR veröffentlichten Berichte über die Schauprozesse in Moskau, das Morden hinter den republikanischen Linien des spanischen Bürgerkrieges und den Nichtangriffspakt zitiert (und damit auch den Antifaschismus der DDR entmystifiziert) – für mich war das Anrufen nach eigener Haltung der entscheidende Moment des Buches.

Dass Literatur – sei es ein Roman, ein Essay oder Gedichte – politische Haltungen, gar Handlungen auslösen kann, wird den heutigen Leser wahrscheinlich verwundern. Werke sich einmischender, politische Wirkung hinterlassender Künstler, wie sich beispielsweise ein Wolfgang Borchert, Alfred Andersch oder Heinrich Böll verstanden, liegen selten auf den Bestsellertischen großer Buchhandlungen aus. Viele heute politisch Handelnde, meine Person einbegriffen, sind von solchen Literaturerlebnissen jedoch geprägt. Wie wirkt sich dies jetzt in ihren Entscheidungen aus? Sind die Frontverläufe unklarer als damals, wirbelt der innere Kompass im Kreis, wird aus mittlerweile jahrelang eingeübten Pragmatismus Langeweile und Bequemlichkeit oder gibt es doch noch die letzte Linie, die nicht überschritten wird? Ich habe gern bei Fragen, warum ich politisch engagiert bin, auf Andersch „Sansibar oder der letzte Grund“ verwiesen, auf das einfache Tun der dortigen Akteure, die nicht aufgrund von Ideologien und Weltbilder agieren, sondern weil die konkrete Situation menschliches Handeln verlangt. Mir kommen Zweifel, dass solche Erklärungen weiterhin verständlich und ausreichend sind.

Vielleicht gilt es, die Räume jenseits der Worte erneut zu finden und in ihnen zu atmen. Mit Versen Johannes Bobrowskis wieder Ufer aufsuchen, das Stück Unendlichkeit in den Sprachgittern Paul Celans ahnen, aber auch in die Heiterkeit eines Günther Bruno Fuchs einstimmen und neben Walter Benjamins Engel der Geschichte Chagalls Engel schweben sehen.

„In jedem Menschen steckt eine tiefgreifende Sehnsucht nach dem Schönen. Alles Grosse wird aus Sehnsucht herausgeboren….. Was wir wissen, hängt davon ab, was wir fühlen. Eine Seele, die keine Schönheit empfunden hat, begeht emotionalen Selbstmord.“aus den neuen Thesen zur Reformation vom Zentrum für politische Schönheit.

Das Land um den Schaalsee ist idyllisch. Dunkle Wälder wechseln mit von Hecken gesäumten Feldern. Stille Seen laden zum Verweilen ein. In den kleinen Dörfern hat sich ein buntes Volk an Künstlern und Bauern versammelt. Über Mooren steht im Herbst früh und abends Nebel, Sonnenflecken huschen über die Wege wie kleine Waldgeister. Unvermutet begegnet einem beim Dörfchen Kneese ein drei mal drei Meter großer Streckzaun. Darauf eine Tafel mit zwei Fotos. Eines zeigt einen jungen Mann, der ernst in die Kamera blickt, das andere ihn tot auf der Erde liegend. Der 28jährige wurde 1983 unweit dieser Stelle bei einem Fluchtversuch von mehreren Splittern einer Selbstschutzanlage getroffen. Er ist das letzte Opfer dieser Tötungsmaschinen, ein Jahr später baute die DDR diese Anlagen an ihrer Westgrenze auf internationalen Druck hin ab. Der Stabsfeldwebel, der in den 70ern in diesem Abschnitt mehrere hundert dieser Anlagen installiert hatte, wurde im Jahr 2000 vom Landgericht Stendal freigesprochen. Ihm könne, so das Gericht, nicht nachgewiesen werden, den Tod vorsätzlich herbeigeführt zu haben. Anmut und Politik.

In der Politik soll die Rede klar sein. Klar bedeutet jedoch nicht einfach. Poesie, so heißt es bei den alten Griechen, macht Unsagbares sagbar. Anmut wird so immer wieder neu interpretiert.

Bild: Raffael, „Die drei Grazien“
Quelle: „Raffael 010“ von Raffael – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Raffael_010.jpg#mediaviewer/Datei:Raffael_010.jpg.

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