Geschichte
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Astel – ein Nachtrag

Sommer 1998. Ich sitze in Arnstadt in der Eisdiele am Stadtpark, Erinnerungen an meine Kindheit in dieser kleinen Stadt nachhängend. Der Gastraum ist voll. Ein altes Paar kommt an mein Tisch, beide im Sonntagsstaat, er blind. Ob noch Plätze frei wären, werde ich gefragt, und ich bejahe. Ein kleines Gespräch beginnt, während wir unser Eis schlürfen. Anfangs eine leichte, unverbindliche Sonntagsunterhaltung, dann auf einmal ganz ernst. Ich weiß heute nicht mehr, wie wir auf dieses Thema gekommen sind…

Mein Tischnachbar war Sozialdemokrat. Nach dem Novemberprogrom 1938 wird auch er verhaftet, in Arnstadt werden gleich mehrere bei den Nazis als politisch unzuverlässig geltenden Personen zusammen mit Juden weggeschafft. Er selbst kommt nach Buchenwald. Kurze Zeit nach der Inhaftierung wird er mit ca. 20 anderen KZ-Insassen auf einen LKW verladen und nach Weimar gefahren. In einem leeren Raum müssen sie in einem Kreis Aufstellung nehmen. Dann betritt ein Mann den Raum und stellt sich in ihre Mitte. Auf sein Geheiß müssen sie die Schuhe ausziehen, und dann beginnen sie, im Kreis zu laufen. Der Mann macht sich Notizen, während er ihren Gang mustert. Eine halbe Stunde laufen sie. Dann zeigt der Mann auf jeden Einzelnen von ihnen. „Jude, Jude, Nichtjude, Jude…“. Der Mann, so erfährt er danach, heiße Astel, sei Professor an der Jenaer Universität und Leiter des Thüringer Amtes für Rassewesen. Er könne an der Art des Gehens erkennen, ob jemand Jude sei…

Wer in der Theatergeschichte bewandert ist, kennt diese Szene. In der alten Bundesrepublik war sie Schullesestoff. Am Ende des Stückes „Andorra“ von Max Frisch taucht der Judenschauer auf. Die „Schwarzen“ haben Andorra erobert, jetzt laufen deren Einwohner vor ihm über den Platz und diese Person definiert am Gang und Füßen, wer Jude ist. „Andorra“ – Max Frischs bittere Parabel über das Bildermachen. Der Zuschauer weiß, dass derjenige, den der Judenschauer aussortiert und den anschließend die Soldaten ermorden, keine Jude ist. Andri, so heißt der junge Mann, ist von seinem Pflegevater, der Lehrer, nur als solchen ausgegeben worden. Angeblich habe er ihn als Judenkind vor den „Schwarzen“ gerettet, ihn mit nach Andorra mitgenommen und als Pflegesohn aufgezogen. Eigentlich ist er jedoch sein leiblicher, nur unehelicher Sohn, zu dem er sich nicht bekennen getraut. Doch diese Realität spielt keine Rolle. Die Mitbewohner Andorras sehen in ihn den Juden, haben ihre Ansichten über ihn – anfangs scheinbar harmlos, später immer aggressiver, je wahrscheinlicher wird, dass die „Schwarzen“ nach Andorra kommen. Und Andri übernimmt ihre Bilder von ihm, formt daraus seine Identität, die er selbst dann nicht mehr aufgibt, als ihm seine eigentliche Herkunft mitgeteilt wird. Die Entscheidung des Judenschauers materialisiert dieses Bild am Ende auf grauenhafte Art.

Wir haben 1985 in Halle dieses Stück als Studenten aufgeführt. Ein Jahr Lebenszeit hat jeder von uns darin investiert, uns ließ dieser Stoff nicht los. Die Szene mit dem Judenschauer bereitete uns große Probleme. Sie war unmenschlich, erschien uns völlig irreal, eiskalt. Wie so etwas spielen? Am Ende entschieden wir uns, sie möglichst so zu inszenieren, wie es der Text vorschreibt. Mit schwarzen Tüchern den Kopf verhüllt, liefen wir barfuß im Kreis um den Judenschauer. Bei der Aufführung wurde gelacht, als derjenige, der den Amtsarzt spielte, seine Hut über dem Tuch lüftete und dem Judenschauer sagte, „Ich bin der Amtsarzt.“ Es war jenes Lachen, das entstehen kann, wenn eine Situation nicht mehr auszuhalten ist, und das zugleich die Kehle zuschnürt. Doch der Vorgang blieb für uns letztlich imaginär. Dass er nicht nur der Fantasie Frischs entsprungen ist, sondern historische Realität sein kann, wäre uns nicht in den Sinn gekommen. Nun habe ich es hier in einer Eisdiele erfahren, von jemanden, der nicht als Schauspieler in einer künstlichen Szene sondern um seine Existenz bangend im Kreis laufen musste – ein tiefes Entsetzen ergreift mich.

1998 wurde genau über diesen Astel in Jena heftig diskutiert. Wie ich schon in einem anderen Beitrag geschrieben hatte, schenkte die Malerin Anke Doberauer der Universität über den Auftrag, andere Rektorenbilder zu malen, hinaus ein Bild in ähnlicher Manier, das zwar Astel nicht direkt zeigt, seinen Namen aber in die Reihe der Rektorenbilder stellte. Eine Figur in einem Talar in Rückenansicht mit einem Spiegel vor sich, aus dem ein Kindergesicht den Betrachter anschaut. Unverzeihliche Ehrung eines Rassefanatikers oder mutige künstlerische Verarbeitung der Universitätsgeschichte? „Du sollst Dir kein Bildnis machen.“ Das Diktum des Alten Testaments ist auch das Diktum Frischs. Nur bei ihm ist es pessimistisch angelegt – keiner kann diesem Mechanismus entfliehen, weder der, der sich ein Bildnis vom anderen macht, noch der, der sich nach den Bildnissen der anderen formt. Vielleicht scheint hier auch die Reformationstradition der Schweiz hindurch. Nicht die des letztlich noch freundlichen lutherischen Modells, das den unerfüllbaren Geboten, die nur die Sündhaftigkeit des Menschen verdeutlichen, die Gnade Gottes gegenüberstellt, sondern das der calvinistischen Prädestination, die Vorbestimmung, die dem Menschen keinen Ausweg lässt. „Es gibt keine Gnade, Gnade ist ein ewiges Gerücht.“ lässt Frisch Andri sagen. Wie betrifft dies Kunst, die alles sein kann – Abbild, Festlegung, Interpretation, Frage, Markierung einer fehlenden Antwort…?

In „Andorra“ lässt Frisch am Ende Barbli, die Schwester Andris, die Bühne weiß anstreichen, damit das Geschehen überdecken, passend zu den Zwischentexten der einzelnen Szenen, in denen keiner der Beteiligten, den berufsmäßig redenden Pfarrer vielleicht ausgenommen, sich so recht an das vergangene Geschehen erinnern mag, geschweige denn Verantwortung übernehmen möchte. Wir hatten dies so gelöst, dass Barbli während des Stückes zwischen den Szenen die Bühne immer wieder mit weißen Tücher bedeckt, zu den Szenen dann Andri diese an den Stellen, wo die Szene spielen, wieder aufdeckt, den Ort, das Geschehen so sichtbar macht. Im Rückblick ist dies ein einfaches theatralisches Bild, m. E. aber zutreffend. Vielleicht ist es unsere Art, mit der Vergangenheit umzugehen, dieser Wechsel aus verdecken und enthüllen, verbergen und kenntlich machen, eine stetige, schmerzhafte Handlung. Schmerzhaft, weil immer wieder damit Wunden geöffnet werden, geöffnet werden müssen.

Mein Gesprächspartner im Eiscafé wurde von Astel nicht als Jude klassifiziert, nach einem halben Jahr wurde er aus dem KZ entlassen. Jahre später musste er noch einmal an Astel schreiben. Der Name seiner Tochter – Esther – erschien dem Standesbeamten zu jüdisch. Das Amt von Astel sollte bestätigen, dass auch eine Deutsche solch einem Namen tragen kann. Ja, sie darf, aber erst nach 1945. Später im Leben erblindet er. Eine unbeschreibliche Sanftheit umgibt ihn und seine Frau. Am Ende frage ich ihn, wie er entscheiden würde: Soll das Bild über Astel von der Universität angenommen werden? Er antwortet ohne zu zögern: „Ja, es ist doch Eure Geschichte.“

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