Der lange Text, Ironie und Satire, Kultur, Literatur, Zweitverwertung
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Brief an Schiller

In der Kategorie Zweitverwertung werde ich ab und zu ältere Texte u.a. von mir veröffentlichen. Der nachfolgende erste Beitrag, der erstmals leicht gekürzt 2005 in der Studentenzeitung Akrützel erschienen ist, entstand im Nachgang zu einem MDR-Projekt „Schüler schreiben Schiller“. Auf einer längeren Autofahrt durfte ich mir damals im Radio dessen Ergebnisse anhören. Der rührende Idealismus der Briefe weckte in mir spontan den Impuls, eine „realistischere“ Variante zu verfassen. Der Text orientiert sich an den damaligen politischen Rahmenbedingungen, ob sich diese heute grundsätzlich geändert haben, mögen die Leser selbst beurteilen… 

Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Postfach 900463
99107 Erfurt

Herrn Dr. Friedrich Schiller
Jenergasse 26
07743 Jena

Betr.: Antrag auf außerplanmäßige Professur für neue und Universalgeschichte
AZ: FS-TS-09/05/05

Erfurt, den 09.05.2005

Sehr geehrter Herr Dr. Schiller,

der Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe, hat Ihr Schreiben mit Ihrem Gesuch um eine außerplanmäßige Professur für neue und Universalgeschichte an der Universität Jena zuständigkeitshalber an mich übergeben. Das Ministerium hat Ihr Anliegen umfassend geprüft. Im Ergebnis dieser Prüfung ergeht auf Grundlage des Landeshochschulgesetzes in der Fassung vom 20.06.2004 folgender Bescheid:

Der Antrag wird abgelehnt.

Begründung:

1. Gemäß der Vereinbarung des Ministers mit den Hochschulen des Freistaates Thüringen zu mittelfristigen Finanzierung des Hochschulbereiches genießen die Hochschulen Verwendungsfreiheit bei den Mitteln im Rahmen ihres jährlich festgelegten Budgets. Dies betrifft insbesondere auch die Gestaltung des Stellenplans und die Frage der Wiederbesetzung offener Stellen, soweit dies innerhalb der Grenzen des aktuellen Hochschulentwicklungsplanes geschieht. Der Minister hat nur noch im Rahmen der Rechtsaufsicht und der allgemeinen Hochschulplanung einen Genehmigungsvorbehalt und kann somit nicht von sich aus in die Stellenpläne eingreifen. Sie werden verstehen, dass der Minister nicht zugunsten eines Einzelfalles den mühsam gefundenen Konsens aller Seiten aufs Spiel setzen wird und einfach die gewünschte Professur an der Universität einrichten kann.
Ungeachtet der Tatsache, dass uns zudem eine vergleichbare offene Stelle an der Universität Jena nicht bekannt ist, sei auch auf das übliche Verfahren hingewiesen: Die Hochschulen schreiben wieder zu besetzende bzw. neue Professorenstellen gemäß des Thüringer Landeshochschulgesetzes öffentlich aus. Im Rahmen ihrer Autonomie erfolgt die Erstellung einer sogenannten Dreierliste, aus der der Minister den entsprechend geeigneten Kandidaten beruft. Der Minister besitzt somit kein unmittelbares Besetzungsrecht. Evtl. Zusagen seinerseits hinsichtlich Ihrer Person sind daher hinfällig.

2. Es steht Ihnen natürlich frei, sich bei nächster Gelegenheit auf eine wieder zu besetzende Professorenstelle am Historischen Institut der Universität Jena zu bewerben und sich dem universitären Auswahlverfahren zu stellen. Wir weisen Sie allerdings vorsorglich darauf hin, dass Sie sich dabei nicht auf das Wohlwollen des Ministers berufen können und der Minister Sie voraussichtlich nicht zum Professor ernennen würde. Dies ist in Ihrer fehlenden persönlichen Eignung für dieses Amt begründet.
Zum einen können Sie in Ihrer Vita bisher nur eine größere wissenschaftliche Arbeit nachweisen, Ihre Promotionsschrift zur Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande. Alle weiteren Arbeiten tragen bestenfalls einen belletristischen oder feuilletonistischen Charakter. Auch Ihr angeführter umfangreicher Zitationsindex bezieht sich fast ausschließlich auf Ihr künstlerisches Werk. Ein Nachweis der regelmäßigen Teilnahme an internationalen wissenschaftlichen Konferenzen und Tagungen konnte auch auf Nachfrage nicht von Ihnen erbracht werden. Desweiteren fehlen Ihnen aufgrund des bisher außeruniversitären Berufsweges jegliche Erfahrungen in der Lehre. Somit bestehen in unserem Haus ernsthafte Zweifel an Ihrer Kompetenz, die Stelle eines Hochschullehrers jenseits einer Antrittsvorlesung über einen längeren Zeitraum auszufüllen.
Zum anderen existieren unsererseits Bedenken hinsichtlich Ihrer Loyalität zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und der Westbindung unserer Gesellschaft. Eine Analyse einiger Ihrer Schriften hat dafür u.a. folgende Belege ergeben:

  • Unterstützung terroristischer Anschläge auf Repräsentanten der legitimen staatlichen Gewalt („Wilhelm Tell“)
  • Volksverhetzung („Die heilige Johanna von Orlean“)
  • Missachtung des grundgesetzlich geschützten Eigentumsbegriffes („Die Räuber“)
  • moralische Herabsetzung von Regierungen enger Verbündeter des transatlantischen Verteidigungssystems („Maria Stuart“)

Ferner ergab eine Regelanfrage beim Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz, dass Sie sich in Ihrem Heimatland Baden-Württemberg freiwillig eingegangenen militärdienstlichen Verpflichtungen entzogen haben.
Somit müssen wir davon ausgehen, dass Sie sich politisch und künstlerisch nicht mehr auf dem Boden des deutschen Grundgesetzes und der Verfassung des Freistaates Thüringen bewegen. Ein äußeres und inneres Bekenntnis zu den Verfassungswerten und die eigene politische Neutralität sind jedoch Voraussetzung für die Aufnahme eines beamtenrechtlichen Dienstverhältnisses mit den Freistaat Thüringen, mit dem eine Professur an einer Thüringer Hochschule untrennbar verbunden ist.

3. Entgegen Ihrer Annahme ist nicht unser Haus sondern in Ihrem Fall als ALG-II-Empfänger prinzipiell der neugegründete städtische Eigenbetrieb Jenarbeit für Ihre berufliche Wiedereingliederung zuständig, auch wenn Sie derzeit über eine Mehraufwandsentschädigungsmaßnahme (MAE-Maßnahme) in einer uns nachgeordneten Einrichtung tätig sind. Entschieden zurückweisen müssen wir an dieser Stelle jedoch Ihre Unterstellungen hinsichtlich der Zumutbarkeit Ihrer gegenwärtigen Beschäftigung. Die Frage der Zumutbarkeit einer Tätigkeitsaufnahme wird in den Begleitgesetzen zum ALG II lediglich in Beziehung zur sogenannten Sittenwidrigkeit gestellt. Die Merkmale Ihrer MAE-Maßnahme – gärtnerische Pflege der Außenanlagen von literarischen Gedenkstätten in Jena, 30 Stunden / Woche bei einer Entschädigung von 1,25€ / Stunde – entsprechen dem gesetzlichen Rahmen. Ziel einer MAE-Maßnahme ist es, Langzeitarbeitslosen den Erwerb grundsätzlich notwendiger Fähigkeiten zur Erhöhung der Vermittlungschancen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen – so z.B. durch Einübung in einen geregelten Tagesablauf und das Erlernen der korrekten und termingerechten Erledigung konkreter Arbeitsaufgaben. Es ist somit nicht die Aufgabe eines MAE-Maßnahmeträgers, spezielle persönliche Vorlieben – in Ihrem Fall vorrangig literarischer Natur – zu fördern, wobei derzeit zumindest der Arbeitsort Ihren Neigungen entsprechen dürfte. Konkrete berufsqualifizierende Weiterbildungsangebote besprechen Sie bitte direkt mit Ihrem persönlichen Fallmanager bei Jenarbeit.

Kostenfestsetzung:

Der Bescheid ist gemäß Thüringer Petitionskostenverordnung vom 26.09.2001, §5a kostenpflichtig. Die Gebühr in Höhe von 50,-€ zzgl. einer Aufwandspauschale von 12,50€ überweisen Sie bitte innerhalb von vier Wochen auf eines der unten angegebenen Konten. Ermäßigungsgründe (ThürPeKoVo §6a-d) existieren nicht.

Rechtshilfebelehrung:

Sie können gegen diesen Bescheid und gegen die Kostenfestsetzung Widerspruch einlegen. Dieser ist innerhalb von 14 Tagen schriftlich beim Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur einzureichen. Widersprüche haben keine aufschiebende Wirkung.

Datenschutzhinweis:

Gemäß der Thüringer Datenschutzrichtlinie gebe ich Ihnen zur Kenntnis, dass ich aufgrund meiner Mitteilungspflicht infolge des Runderlasses des Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringens in Umsetzung des gemeinsamen Beschlusses der Innenministerkonferenz zum zwischenbehördlichen Datenabgleich vom 21.03.2005 folgende Angaben bezüglich Ihrer Person an den kommunalen Eigenbetrieb Jenarbeit übermittelt habe:

  • vermutete Vermögenswerte in Form von Aufführungs- und Veröffentlichungsrechten
  • vermutetes Einkommen aus literarischer und publizistischer Tätigkeit in Form von Barzahlungen und geldwerter Leistungen.

Jenarbeit benötigt diese Angaben, um Ihre tatsächliche Bedürftigkeit entsprechend der gesetzlichen Regelungen zum ALG II und damit die konkrete Höhe der gewährten Leistungen zu bestimmen bzw. zu überprüfen. Nähere Auskünfte erteilt Ihnen dazu die Leistungsabteilung von Jenarbeit.

Für Ihre weitere Lebensplanung wünsche ich Ihnen viel Erfolg!

Hochachtungsvoll

Geßler
Leiter der Abteilung für Petitionen und Ermessensentscheidungen
Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst

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