Alltag, Der lange Text, Religion, Zweitverwertung
Schreibe einen Kommentar

Danach …

Bis in die letzten Tage des vergangenen Jahres hat uns nun der Tod begleitet. Mir ist in dieser Zeit der Text meiner ersten Predigt, die ich in meinem Studium gehalten habe, wieder in die Hände gefallen. Das ist über zwanzig Jahre her, manches Detail würde ich heute anders formulieren. Vielleicht mag sie trotzdem beitragen, Dinge abzuschließen und das neue Jahr anders zu beginnen, als das alte. Ich widme den Text meinem Freund Kristian.

 

Predigttext Mk 8,9-13

Als sie aber vom Berge hinabstiegen, gebot ihnen Jesus, dass sie niemanden sagen sollten, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn auferstünde von den Toten. Und sie behielten das Wort und befragten sich untereinander: Was ist das, Auferstehen von den Toten? Und sie fragten ihn und sprachen: Sagen nicht die Schriftgelehrten, dass zuvor Elias kommen muss? Er aber sprach zu ihnen: Elia soll ja zuvor kommen und alles wieder zurecht bringen. Und wie steht dann geschrieben von dem Menschensohn, dass er viel leiden und verachtet werden soll? Aber ich sage euch: Elia ist gekommen, und sie haben ihm angetan, was sie wollten, wie von ihm geschrieben steht.

Liebe Gemeinde! Was ist das, Auferstehen von den Toten? Wie oft habe ich diese Frage gehört, nach langen Gesprächen, tief in der Nacht. Gerade in der DDR hörte ich dies von meinen Freunden, und die, die fragten waren meist keine Christen. Immer war ein Unterton zu hören, ein spöttischer, ein interessierter oder ein skeptischer. Die Augen blickten erwartungsvoll, wie ich mich nun aus der Affäre ziehe und reagiere. Meist war an dieser Stelle das Gespräch zu Ende. Ich begann zu stottern. Die bekannten Formeln aus dem Konfirmandenunterricht, dem Gottesdienst oder den Büchern fielen mir zwar ein, aber sie erschienen mir als Worthülsen. Sie sagten meinen Freunden nichts, konnten ihnen nichts sagen. Der Freund merkte, dass ein wunder Punkt berührt war und schwieg. Wir, die wir uns doch sonst so gut verständigen konnten, eine gemeinsame Sprache hatten, wurden sprachlos. Verlegenheit breitete sich aus. Schnell wurde ein anderes Thema gesucht, es gibt ja genug, über das man reden kann, oder man verabschiedete sich schnell. Vielleicht kennen Sie ähnliche Situationen.

Die Jünger stellen sich nun genau dieselbe Frage. Nur die Situation scheint ein ganz andere zu sein. Sie hatten ja davor ein eindrückliches Erlebnis, das später unter der Überschrift Verklärung Jesus bekannt wurde. Jesus hatte sie mitgenommen auf einen Berg. Dort wurden auf einmal seine Kleider weiß und Elia und Moses, die großen Gestalten in der jüdischen Geschichte, kamen zu ihm, und sie redeten miteinander. Es muss ein prächtiger Anblick gewesen sein. Die Männer Gottes; Moses, der Israel aus Ägypten führte, und Elia, der Israel wieder zu Gott führte, sprechen mit Jesus, der sie, die Jünger, tagtäglich begleitete. Der Eindruck war so groß, dass Petrus ihn festhalten wollte: Hier ist gut für uns sein sagte er,und wollte Hütten bauen. Herbergen, damit die drei nicht mehr fortgehen müssen. Und dann ertönt eine Stimme: Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören! Dann finden sie sich allein mit Jesus auf dem Berg wieder. Der Abstieg beginnt.
Ein gewiss eindrückliches Erlebnis, das aber nicht anhält. Wer kennt nicht das Gefühl der Lehre, das zurückbleibt, wenn ein übermächtiger Eindruck schlagartig zu Ende ist. Doch es kommt noch schlimmer! Nicht einmal reden dürfen sie darüber. In sich vergraben sollen das Gesehene und Gehörte, bis das der Menschensohn, also Jesus selbst, wieder aufersteht. Kein Wunder, dass sie räsonieren. Was soll das denn nun wieder sein? Was soll man denn nun darunter wieder verstehen? Und überhaupt, man ist ja auf der Höhe der Zeit und kennt die Expertenmeinung: Wenn so etwas wie die Auferstehung funktionieren soll, muss Elia erst einmal wiederkommen und die Dinge zurecht biegen. Man sah ihn zwar jetzt mal kurz, aber wenn man nicht einmal davon erzählen darf…

Markus hatte wohl seine Gemeinde vor Augen, als er diese Episode niederschrieb. Die bewegte Zeit, als Jesus noch unter seinen Jüngern lebte, die folgenden ersten Jahre, als das Erlebnis von Ostern noch in den Köpfen und Herzen der ersten Gemeinde lebendig war, sie lag Jahrzehnte zurück. Nun herrschte Alltag, und der war oft nicht erfreulich. Angefeindet von der Umwelt, mit alltäglichen Sorgen belastet, untereinander in vielen Fragen nicht grün – wenn man das Neue Testament genau liest, kann man sehen, wie kompliziert die Situation der Gemeinden damals war. Ist das wirklich die mit der Auferstehung Christi erhoffte Zeit? Der Text redet wohl zu Menschen, die etwas in ihrem Leben vermissen. Da war etwas erlebt worden, zu Ostern, ganz nah, ganz dicht, was nicht mehr fühlbar ist, nur aus Erinnerung besteht. Da wird etwas erwartet, was noch nicht zu sehen und doch versprochen ist. Und der Gemeinde geht es wie den Jüngern, in dieser Situation stehen erst einmal Fragen an: Wie ist das nun alles gemeint? Da sucht man Trost.

Wie entsteht nun diese Frage bei uns? Wann begann sie mich zu beschäftigen? In meinem Elternhaus sind die Wände mit Scherenschnitten geschmückt. Märchenmotive sind zu finden, Stillleben, Schwalben auf Telefondrähten. Schon als Kind schaute ich mir die Scherenschnitte mit großen Augen an und fuhr mit dem Finger die Kanten entlang. Die Scherenschnitte stammen von meiner Großmutter. Ich kenne diese Frau nicht. Das Einzige, was ich von ihr weiß, liegt in den Bildern verborgen. Gut, natürlich erzählte meine Mutter viel über sie, berichtete von den Tagen, als von dem Verkauf der Scherenschnitte die ganze Familie lebte. Sie sprach von ihren bescheidenen Lebensverhältnissen, der Wärme, die vielleicht gerade deswegen in ihrer Familie zu spüren war. Mir erschloss sich diese mir unbekannte Frau jedoch mehr über ihre Bilder, meine kleine Kinderwelt wurde wärmer, wenn ich sie in den Händen hielt. Meine Großmutter war mir so nah, dass ich ihre Gegenwart zu vermissen begann. Sie werden diese Kinderfragen kennen, wo sie denn nun seien die Leute, wenn sie gestorben sind. Und sie werden auch die Antworten kennen, die die Eltern geben, wenn sie gefragt werden. Das Bild, dass sie jetzt von einem fernen unbekannten Ort uns zuschauen, sich mit uns freuen und auch traurig sein können, hat mich in meiner Kindheit getröstet. Die Welt, die durch das Fehlen eines Menschen, den ich gern erlebt hätte, anfing grau zu werden, wurde wieder verwandelt, der kindlich empfundene Schmerz wird zu einem kleinen Stich, obwohl er nicht ganz entschwindet. Natürlich bleibt diese Vorstellung nicht. Von den Eltern gebraucht um mich zu trösten, wird sie schnell in Frage gestellt, uns es ist wohl müßig, sie auf einen Sinn außerhalb dieser Funktion, der zu trösten, zu untersuchen. Bei mir blieb jedoch auch nachdem dieses Bild verblasste und verschwand, gerade dieser Moment des Trostes erhalten.

Fragen wir nur des Trostes wegen? Sicher ist wohl, dass Nähe und Verlust zusammen gehören. Wie oft frage ich mich erst, wenn ich jemanden vermisse, nach ihm? Oder wie oft fühle ich mich gerade jemanden nahe, der nicht anwesend ist? Ein Zwiegespräch ist möglich, das Gesicht steht vor mir, meine Gedanken werden zurecht gerückt.

Und etwas anderes: Ich bin mir meiner Sicherheit gerade dann bewusst, wenn Bilder aus Jugoslawien über den Bildschirm flimmern. Die älteren von Ihnen werden vielleicht die Situation kennen, wenn von dem normalen Leben, dem Haus, der Wohnung, den Nachbarn, dem Beruf einfach nichts mehr übrigbleibt. Ich weiß nicht, was Sie dann empfinden, wenn Sie die Fernsehberichte sehen. Mir jedenfalls wird mein eigenes geordnetes, gesichertes Leben bewusst. Es gibt dann ein Gefühl der Scham darüber, ja gewiss rational nicht begründbar, und doch ist es so. Doch welcher Trost wird jenen Menschen zuteil?

Und wie reagiert Jesus auf diese Fragen, die aus diesem Konglomerat von Verlust und Nähe geboren werden? Er scheint die Antwort erst einmal zurückzugeben. Ja, so ist es, Elia soll vorher kommen und alles wieder zurecht rücken. Und im Übrigen ist er schon gekommen, es geschieht schon, was in der Schrift geschrieben steht. Und der Menschensohn steht damit im Zusammenhang, ist im Leiden mit ihn, Elia verbunden. Beantwortet das die Frage? Ein Scherenschnitt entsteht ja letztlich durch wegschneiden. Alles überflüssige Papier wird weggeschnitten. Aufgeklebt auf weißen Untergrund sehen wir die Umrisse, die Konturen. Meine Großmutter begann immer mit den Gesichtern. Ales andere ist korrigierbar, menschliche Gesichtszüge sind es nicht. Fehlt dabei zu viel, wird der Mensch nicht mehr erkennbar. Doch sieht man nur die Kontur. Den Inhalt, die Farbe müssen wir uns dazu denken, dazu erfinden, finden. Ich verstehe Jesus Antwort so. Er zeichnet uns die Kontur vor, setzt die Eckdaten. Ja, Elia ist gekommen, ihr müsst ihn entdecken, ihr müsst selbst erkennen, was er gerade rückt. Und der Menschensohn ist erschienen, und ihr werdet ihn leiden sehen. Die Schrift und ihre Verheißung wird erfüllt. Und wir können ergänzen: zu Ostern wurde ein leeres Grab gefunden. Dann werdet ihr auch begreifen. „Was“ Auferstehung ist, sagt Jesus hier nicht, er sagt, „dass“ Auferstehung ist. Das ist viel, alles, und das ist wenig. Alles, weil eine alle Hoffnung vermittelnde Aussage damit geschehen ist. Ende und Verlust sind bewältigbar. Unsere eigentliche Suche nach Trost und nach Perspektive, die hinter unserer Frage nach Auferstehung steht, wird beantwortet. Das ist wenig, weil das „was“ an uns zurückgegeben wird. Wo sollen wir danach suchen?
Jesus hat etwas entstehen lassen. Um sein leeres Grab herum, im Glauben an seine Auferstehung haben sich Gemeinde, Kirche gebildet. Können wir dort nach dem „was“ suchen? Ja, ich denke, dass Jesus uns diesen Rahmen gibt, einen Scherenschnitt. Der ist zu füllen. Ich kenne Ihre Gemeinde nur wenig, als ich noch im Theologenkonvikt wohnte, besuchte ich hier ab und zu den Gottesdienst. Sicher werden zu Ihnen in die Gemeinde viele kommen, die Nähe suchen, Trost suchen. Sie selbst kommen wahrscheinlich oft deswegen. Ob Sie dies finden, müssen Sie selbst beantworten. Stellen der verschiedensten Art, Gottesdienste, Gemeindekreise, Musik, Gespräch, Schweigen, Einkehr, Feste, Besuche – all dies wird es geben. Wir sollten auch wissen, dass Finden an solch unterschiedlichen Orten möglich ist, nicht nur allein im Gottesdienst. Gemeinde ist mehr.

Nachdem ich älter geworden bin, ging ich zum Grab meiner Großmutter. Nach langem Suchen auf einem großen Friedhof in Leipzig fand ich ihren Grabstein. Als ich das Grab verließ, legte ich einen kleinen Stein auf die Platte. Eigentlich eine jüdische Sitte – sie grüßen so ihre verstorbenen Verwandten. Als die Jünger zu Jesus Grab gingen, fanden sie es leer. Weil dies so ist, ging ich beruhigt hinweg.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Eintracht. Amen.

Bild: Käthe Schöne, Original Scherenschnitt, 1932

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.