Geschichte, Kultur, Personen
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Das verlorene Bild

Als vor einigen Wochen der fünfte Jahrestag der Wiedereröffnung der Villa Rosenthal als kultureller Begegnungsort gefeiert wurde, stand ein Bild im Zentrum der Festreden. Letztes Jahr wurde das lange verschollene Porträt von Clara Rosenthal wieder entdeckt. Insbesondere ausdauernde, verdienstvolle Recherchen von Stephan Laudien führten letztlich dazu, dass das Bild im Erzbistum Paderborn wieder aufgefunden werden konnte. Das Werk des Malers Raffael Schuster-Woldan gelangte im letzten Frühjahr als Geschenk der Kirche wieder nach Jena, nun hat es seinen würdigen Platz im Salon der Villa wiedererlangt. Die Begeisterung, die der Fund auslöste, ist wohl nicht nur dem Umstand geschuldet, dass nunmehr sich mit Clara Rosenthal ein Gesicht verbindet. Es ist auch die Heimholung eines Ideals einer bürgerlichen Existenz in Jena. Weitläufig gebildet, elegant im Reden und Schreiben, eines offenes Haus pflegend, Künste fördernd, Liberalität verströmend – so wird die Hausherrin, aber auch ihr Mann verehrt. Dies verbindet sich mit dem Schauder und der Scham, die das Schicksal Claras hinterlässt. In der Nazizeit als Jüdin in Jena immer mehr isoliert, immer stärkeren Versuchen, sie aus ihren Haus zu verdrängen, das das Paar selbst der Stadt für Begegnungen übereignet hat, ausgesetzt – am Ende steht ein Freitod. So wird das Wiederaufhängen auch ein Akt der Verneigung vor ihr.

Vielleicht sollte die Freude über diese Entdeckung des Bildes von Clara unseren Blick jedoch auch darauf lenken, dass ein weiteres Bild verschwunden ist, und dies wohl leider dauerhaft. Eduard Rosenthal war eben nicht nur der anerkannte Rechtsgelehrte, Vater der Thüringer Verfassung in der Weimarer Republik, Berater Ernst Abbes in Stiftungsfragen und Kunstmäzen, sondern auch zweimal Rektor der Universität in Jena. Aus Anlass der Rosenthalehrung 1928 beschloss die Universität, wie es üblich war, auch ihn mit einem Bild zu ehren und damit in die universitäre Sammlung der Rektorenbilder aufzunehmen. Dies Bild fertigte erneut Schuster-Woldan an, der es 1930 der Universität schenkte. Doch 1934 wurde es, nachdem es schon ein Jahr zuvor aus dem Rektorenzimmer entfernt worden war, endgültig im Magazin der Universitätsbibliothek versenkt. Dies veranlasste der damalige Rektor Esau, ein Physikprofessor, im übrigen nicht weil Rosenthal Jude war, sondern weil Esau der Verordnung der „Vernichtung von Gegenständen des Novembersystems“ Folge leistete. In einem Briefwechsel des Malers 1944 mit dem dann amtierenden Rektor Astel wird das Bild ein letztes Mal erwähnt. Es ist möglicherweise ein Opfer der Zerstörung des Bibliotheksmagazin beim Bombenangriff im Februar 1945 geworden. Erhalten ist nur eine Nachempfindung des Bildes durch die Grafikerin Gerlinde Bönisch-Metzmacher, ein Versuch, der auch in der Villa zu sehen ist.

Das erste Mal in der näheren Gegenwart wurde das Fehlen des Bildes 1997 diskutiert. Die Malerin Anke Doberauer war auf Vermittlung des damaligen Leiters des kunsthistorischen Instituts, Franz-Joachim Verspohl, beauftragt worden, Bilder für Rektoren zu verfertigen, die in der Reihe der Rektorenbilder fehlten. Rosenthal war nicht dabei, dafür ein eigentlich nicht beauftragtes achtes Bild für den oben erwähnten, von dem Hitlerregime eingesetzten Astel. Dieser war weniger als Wissenschaftler hervorgetreten, denn als glühender Verfechter des Nationalsozialismus und seiner Rassenlehre. Schon am Hitlerputsch beteiligt, wird er als Mediziner 1933 Chef des Landesamtes für Rassewesen in Weimar und ist dort u.a. für tausende Zwangsterilisationen sowie Selektionen z.B. nach dem Progrom der Reichskristallnacht verantwortlich. 1934 wird er ohne Habilitation zum Professor für „menschliche Züchtungslehre und Erbforschung“ (später in „menschliche Erbforschung und Rassenpolitik“ geändert) und 1939 zum Rektor ernannt. 1945 entzieht er sich der Rechenschaftsziehung für seine Taten durch Selbstmord. Doberauer findet einen künstlerischen Weg, Astel (nicht) darzustellen. Auf ihrem Bild sieht man eine Talarfigur von hinten, vor sich einen Spiegel. Ein Kind im zu großem Taler und Mütze schaut aus dessen Bild zu den Betrachter zurück. Weniger das Werk selbst als die Tatsache, dass ein Nazirektor in der Rektorenbilderreihe auftaucht, hat heftige, oft emotionale Diskussionen ausgelöst. Ist dies eine Ehrung eines Faschisten oder Nichtverschweigen der Geschichte der Universität? Diese Frage ist offengeblieben. Geblieben ist jedoch auch die Fehlstelle des Bildes von Rosenthal.

Diese Fehlstelle wird immer noch bleiben, wenn voraussichtlich dieses Jahr nun in Verantwortung des jetzigen Institutsleiterin der Kunstgeschichte Verena Krieger eine Ausstellung der erhaltenen Rektorenbilder der Universität gezeigt wird. Wie wird die Kuratorin und die Universität damit umgehen? Zu schließen wird die Lücke in der kurzen Zeit nicht sein – aber sie sollte vermerkt und gekennzeichnet werden. Vielleicht können Universität und Stadt gemeinsam einen künstlerischen Prozess anstoßen, möglicherweise ein Kunstprojekt ausschreiben, dass sich längerfristig mit dem Thema befasst. Denn ein einfaches Ersetzen des verlorenen Bildes wird dem nicht gerecht. Wie verarbeitet man, dass ein Mann aus den öffentlichen Erinnern getilgt, seine Frau in den Tod getrieben wird, sein Bild verschwindet? Dafür die Universität nun ein Bild zu dem verhassten, schuldigen anderen Rektor besitzt. Wie nimmt man auf, dass heute das Erinnern an Rosenthal wieder da ist, er nun fast eine Gloriole bekommen hat? Vielleicht lassen sich hier auf ästhetischen Wegen Antworten finden, die den Diskurs der Vergangenheit der hiesigen städtischen und universitären Gesellschaft beleben jenseits der, aber auch nicht ohne die streng historische Forschung. Ein Bildnis Eduard Rosenthals, dass auch die Geschichte nach seinem Tod sichtbar werden lässt.

Bild:  Villa Rosenthal am 03.01.2015

1 Kommentare

  1. Dietmar Ebert sagt

    Tilo Schieck hat in seinem Beitrag „Das verlorene Bild“ darauf hingewiesen, wie schmerzlich es ist, dass gerade das Bildnis Eduard Rosenthals in der Reihe der Rektorenbildnisse fehlt.
    Eduard Rosenthal gehörte mehr als dreißig Jahre zu den „tonangebenden“ Persönlichkeiten (Carellieri) an der Universität und bekleidete in den Jahren 1899/1900 und 1913/1914 das Amt des Prorektors der Universität, d.h. er führte die Rektoratsgeschäfte, wurde aber als Prorektor bezeichnet, weil der Weimarer Herzog nach alter Sitte als Rektor galt.
    Schon aus diesen Gründen gehört sein Bild in die Reihe der Rektorenbildnisse.
    Hinzu kommen seine Leistungen als Jurist, sein stetes Daraufhinwirken, dass im Zeichen industrieller Entwicklung Rechts-und Wirtschaftswissenschaften sich miteinander verbinden müssen.
    Seine Verdienste am Zustandekommen des Gemeinschaftsvertrages, in dem sich die ehemaligen Thüringer Fürstentümer zum Land Thüringen zusammenschlossen, und um
    die Verfassung Thüringens hat Tilo Schieck bereits erwähnt. Hinzufügen möchte ich,
    dass daraufhin Eduard Rosenthal von der Stadt Jena die Ehrenbürgerwürde verliehen wurde.
    Noch ein Wort zum sozial-liberalen Denken Eduard Rosenthals. Für Grete Unrein war Eduard Rosenthal der engste geistige Vertraute ihres Vaters Ernst Abbe, wenn es um
    soziale Fragen ging. Das soziale Enagement Abbes hat er mehrfach gewürdigt, so bei
    der Einweihung des Abbe-Pavillons, und er hat das Statut für den Lesehallenverein, den er von 1899 bis zu seinem Tode 1926 geleitet hat, mit Abbe und Rechtsanwalt Zeiss erarbeitet.
    Schließlich hat er, von der Notwendigkeit des 1. Weltkrieges zunächst durchaus überzeugt, bereits 1915 in der Preisprüfungsstelle der Stadt Jena, die für eine gerechte Verteilung der Lebensmittel an die Zivilbevölkerung sorgte, mitgearbeitet und später sogar deren Vorsitz übernommen.
    Er sorgte für geistige Lebens-Mittel in Friedenzeiten, für unmittelbare Lebensmittel in Notzeiten.
    Eduard Rosenthal war ein Mann, der für Universität, Stadt und Land, für Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur gleichermaßen bedeutsam war.
    Deshalb unterstütze ich den Vorschlag von Tilo Schieck, das fehlende Rektorenbildnis
    von Eduard Rosenthal zu ergänzen, sehr nachdrücklich.

    Jena, 16. Januar 2015 Dietmar Ebert

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