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Der Soundtrack der Wüste – oder Gewehre zu Gitarren

Die kleine Reihe zu Musik aus Nordafrika und den Nahen Osten setze ich mit den Bands Tinariwen und Tamikrest und einer Filmempfehlung fort.

Tinariwen bedeutet Wüste, leerer Ort – eine Beschreibung des Lebensumfelds im Süden Algeriens und dem Norden Malis, woher die Musiker stammen. Weite, Ausgeliefert- und Einssein mit einer Landschaft, die man endlos durchfährt wie im Video. In Originalschrift liest sich der Bandname so: +|O:|. Es ist Tamaschek, die Sprache der Tuaregs, zu denen die Band um den Frontmann Ibrahim Ag Alhabib gehören. Die Gruppe hatte sich schon Anfang der 80er Jahre zusammengefunden, Kinder von Tuaregs, die seit den 60er Jahren durch die Dürre aus der Sahelzone in die Städte getrieben wurde. Man könnte jetzt viel über die Geschichte der Tuaregs schreiben, ihr tiefe Identitätskrise, die sie in der neueren Geschichte durchliefen. Einst ein Herrschaftsvolk, das durch willkürliche Grenzziehungen in Postkolonialzeiten auseinandergerissen wurde. Auf einmal Minderheiten in neuen Ländern, in denen ihre ehemaligen Sklaven – erst 1906 wurde die Sklaverei durch die französische Kolonialmacht unterbunden – auf einmal die Mehrheit hatten, politisch und sozial desorganisiert. Über den Kulturcrash zwischen Nomaden wie sie und den sesshaften anderen afrikanischen Stämmen, der durch die Wüstenausdehnung sich auch wirtschaftlich verschärfte, über ihre eigene liberale Interpretation des Islams und ihre matrilinearen Gesellschaftsformen, die Spannungen, die zunehmend militärisch ausgetragen wurde, der Kampf um Autonomie, zuletzt der Traum eines eigenen Staates Azawad… . All das kann in einmal wirklich lesenswerten Wikipediaartikeln nachverfolgt werden (Marginalisierung der Tuareg in Mali und Niger sowie Geschichte des Islam bei den Tuareg). Es ist der Hintergrund dieser Gruppe, die sich mit ihrer Musik stets als Teil ihrer Gesellschaft fühlt. Anfangs traditionell auf Hochzeiten und anderen Familienfeiern unterwegs, bekamen sie ihre Initialzündung in Tripolis. Eigentlich sollten sie dort von dem Gaddafi-Regime eine militärische Ausbildung als Untergrundkämpfer erhalten, sich die richtigen Verbündeten auszusuchen fiel den Tuaregs wohl schon immer schwer. Für Gaddafi waren sie willkommene Söldner in seinen afrikanischen Machtspielen. Aber ihre eigentliche Sehnsucht galt bald eher Jeans, westlicher Rockmusik und der Besitz eigener E-Gitarren. In einer Reportage, die letztes Jahr auf Arte lief (und die ich leider nicht mehr im Internet finde), beschrieben sie, dass es eben viel cooler war mit Sonnenbrillen herumzulaufen und Jimmy Hendrix zu hören, als sich in Camps auf einen Bürgerkrieg vorzubereiten. Nicht dass ihnen die Not ihres Volkes egal war, im Gegenteil. Nur erschien ihnen eine militärische Auseinandersetzung dazu immer weniger hilfreich und nur weiteres Elend verursachend. Spätestens nach den gescheiterten Tuaregaufständen 1994 im Mali und im Niger hängten sie ihre Gewehre endgültig an den Nagel und griffen nunmehr ausschließlich zu Gitarren.

Bekannt wurden sie in ihrer Region durch Konzerte und Tonbandkassetten, die sie seit den 80ern vertrieben. Erst 2000, fast zwanzig Jahre nach ihrer Gründung, erschien ihre erste CD. Auf dem Festival d’Desert bei Timbuktu in Mali wurde die Weltmusikszene auf sie aufmerksam, seitdem führten sie Konzertreisen nach Europa und die USA. Ihre CDs produzierten sie jedoch weiter in Tessalit, einem kleinen Ort im Norden Malis, oder, wenn es die Sicherheitslage hier nicht zuließ, im Süden Algeriens. Erst ihre letzte CD entstand in Kalifornien, in einer anderen Wüste. Es gibt von ihnen über die unterschiedliche Luft dort und in der Sahara und was sie nach wie vor mit Mali, dem, wie sie schreiben, vergessenen Bruder des arabischen Frühlings verbindet, ein schönes Statement.

Ihre klassische Besetzung sind drei E-Gitarren, eine Bassgitarre und als Rhytmusinstrumente die westafrikanische Djembé und schlicht einfach Händeklatschen. Zusammen mit ihren Wurzeln und dem eher traditionellen Gesang entsteht ein wunderbarer Wüstensound.

Tinariwen war der Beginn eines Musikbooms in der Sahara, der seinen ganz eigen Stil fand. Interessenten mögen im Internet nach der Bands Kel Assouf, Tartit und Terakaft aus Mali, Omara „Bombino“ Moctar aus Agadez im Niger oder der ebenfalls aus dem Niger stammenden Band Etran Finatawa Ausschau halte. Ich möchte noch kurz auf Tamikrest hinweisen, die nicht nur die Heimatregion mit Tinariwen teilen.

Tamikrest (übersetzt Kreuzung, oder auch Bündnis) gründete sich 2006, als erneut Tuaregaufstände ausbrachen. Sie waren damals um die 20 Jahre alt, hatten einerseits in früheren Aufständen Familienangehörige verloren, andererseits die Chance, gemeinsam eine von Stiftungen finanzierte Schule in der nordmalischen Region Kidal zu besuchen. Als Jugendliche coverten sie Titel Tinariwens, nun begannen sie ihren eigen musikalischen Weg, der ebenfalls eine bewusste Entscheidung gegen eigene Gewalt wurde, sondern stattdessen erneut ein Versuch, über Musik ihr Land zu verteidigen.

In Europa hat Tamikrest die Band Dirtmusic eingeführt. Nachdem man sich 2008 auf dem Festival d’Desert begegnet war, kam es 2010 zum gemeinsamen Projekt BKO – dem Flughafenkürzel für Bamako. Dabei entstand ihre erste eigene CD „Adagh“. Durch diese Verbindung sind sie auch beim deutschen Intependentlabel Glitterhouse gelandet.
Wer Tamikrest hört, fühlt einen direkteren, noch rockigeren Sound, mit reicherer Instrumentierung als bei Tanariwen, auch wenn die E-Gitarre prägend bleibt und oftmals ein eigen(artig)er Frauenchor als Begleitung zu hören ist. Hier jedoch ein eher ruhigeres Stück:

Doch bevor wir uns in entrückten Wüstenklängen verlieren, sei erinnert, dass wir in den letzten Jahren andere Nachrichten aus Mali gehört haben – von dem Vormarsch der Islamisten, mit denen sich die Tuaregrebellen kurz verbündet hatten, dann aber wieder mit ihnen brachen, als die Milizen die Scharia einführten, und daraufhin aus ihrer eigenen Region verdrängt wurden. Vom Militärputsch, vom Bürgerkrieg in einem zerfallenden Staat, von dem Eingreifen Frankreichs und von der Ausbildungsmission der Bundeswehr. Von dem Flüchtlingsstrom in die Nachbarländer, der auch uns über das Mittelmeer erreicht, so denn die Boote nicht vorher versinken… Deswegen möchte ich dem Leser am Ende einen Film ans Herz legen, „Timbuktu“ von Abderrahmane Sissako, der gegenwärtigen in einigen Kinos anläuft. 2012 erobert die Al-Qaida nahe Ansar Dine gemeinsam mit anderen islamistischen Milizen Timbuktu, jene alte Stadt, die als traditionell tolerante islamische Metropole gilt. Jene Stadt, in der die oben genannten Festivals stattfanden, 2012 letztmalig dort. Natürlich wurde sofort die Musik verboten – Musik und Tanz waren zuvor selbstverständlicher Teil einer ausdifferenzierten islamischen Kultur – nur ein Beispiel für ein rigoroses Vorgehen der Besatzer. Nicht nur die alten Kulturstätten werden geschleift und die berühmten Bibliotheken Timbuktus verbrannt, auch das ganze private Leben wird drastisch eingeschränkt, mit brutalen Strafen reglementiert, wie in anderen Orten Nordmalis auch. Der Anlass des Filmes wurde die Steinigung eines angeblich unkeuschen Paares, die Szene erspart uns der Film nicht. Kerngeschichte ist das Schicksal des Tuaregs Kidane, der im Streit um seine getötete Kuh, die die Netze eines Fischers zertrampelt hatte, versehentlich diesen selbst tötet (zugleich eine Replik auf den Kulturkampf der Nomaden und Sesshaften) und nun den Gerichten der Milizen ausgeliefert ist, mit seiner Hinrichtung rechnen muss. Die Musik bleibt im ganzen Film präsent. Nicht nur beim Gitarrenspiel Kidanes, auch die Hauptdarstellerin ist eine Sängerin der Band Kel Assouf, die oben schon einmal erwähnt wurde. Und Fatoumata Diawara, eine weitere bekannte malische Sängerin, diesmal keine Tuareg, spielt die Fatou, die mit Tränen weiter singt, als die Musiker ausgepeitscht werden. Im Gegenhalten gegen die Unmenschlichkeit spielen die kulturellen Unterschiede keine Rolle mehr. So ist auch der Titelsong an Eindringlichkeit kaum zu steigern:

 

Update 8.Februar 2015:

Auch die TAZ hat nun eine Artikel über Tinariwen veröffentlicht: Musizierende Soldaten.

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