Kultur, Literatur
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Genähte Bücher und andere Kleinode – der Berliner Kleinstverlag „Katzengraben-Presse“

Aller zwei Jahre kann sich der Buchliebhaber auf die Buchkunstausstellung im Reithaus an der Ilm in Weimar freuen. Hier wird das Buch selbst zum Kunstobjekt. Auch auf der Leipziger Buchmesse gibt es jedes Mal eine besondere Abteilung, die der künstlerischen Buchgestaltung gewidmet ist Präsent ist jedes Mal Christian Ewald mit seiner Katzengraben-Presse, und ein Besuch seines Standes ist mittlerweile meine gute Gewohnheit.
Christian Ewald, 1949 in Weimar geboren und dort am Rand der Stadt aufgewachsen, ausgebildeter Schriftsetzer und nach mehreren weiteren Etappen studierter Graphiker in Berlin, verfertigte zunächst in DDR-Zeiten handgeschriebene Bücher. Am 2. Oktober, 23:59 Uhr, wagte er gemeinsam mit Jan Silberschuh den Schritt ins Verlagsleben – 999 Exemplare der „Ostberliner Treppengespräche“ erschienen als definitiv letztes in der DDR verlegtes Buch. Seit dieses Jahr erfreut der Verlag, der seinen Namen übrigens von der Straße, an der er beheimatet ist, in Köpenick erhalten hat, mit einer ganzen Reihe von vorzüglich gestalteten Büchern in einer je 999fachen Auflage, davon 99 Exemplare mit einer Vorzugsgrafik, die Normalausgabe zum Preis – Achtung – von je 98 Euro. Zweimal erschienen zu den 10. und 20. Verlagsjubiläen Sonderausgaben (natürlich je 99 Stück), eine Edition von Unikaten rundet das Programm ab. Letztes Jahr konnten wir uns für Christian Ewald freuen, dass er den V.O. Stompspreis der Gutenbergstadt Mainz erhalten hat, ein Preis für kleine Verlage mit klassischer Buchherstellung, der jährlich anlässlich der weltweiten Mainzer Minipressenmesse vergeben wird (siehe oben abgebildete Postkarte).
Ewalds Bücher verströmen selbst bei ernsten Texten eine eigene Verschmitztheit. Er konstruiert aus Text – meist deutsche Erstausgaben sorgfältig ausgewählter, oft weniger bekannter Autoren – Bucheinband, Seiten und Bindung in sich stimmende Kartonagen, die man gern in die Hand nimmt, die immer eine besondere Idee als Faden durchzieht und die durch ihre Details überraschen. Zwei Beispiele dafür: Bei „Myzelistan“, ein Text von Andrei Kurkow über das Lukianowski-Gefängnis in Kiew, erzählt eine Daumenkino am oberen Rand wie man in das Gefängnis hinein gelangt, und rückwärts gespielt, wie man mit Hilfe von Pilzen wieder entfliehen kann. Die „Eselsohren“ des spanischen Dichters Cristóbal Serra finden sich natürlich in einem Buch, das durch kunstvoll gefaltete Eselsohren an den einzelnen Seiten seinen Titel nach außen trägt.
Insbesondere bei den Unikaten findet sich eine besondere Technik – Seiten, die aus einzelnen Stücken zusammen- und übergenäht sind, und über die Fläche verteilte Fadengraphiken. Ein Beispiel mag dafür „Wolkenspitz auf Ätherwelle“ sein. Die Fäden kettteln ihre eigene Poesie zusammen. In einem seiner jüngsten Projekte lässt er uns so am Faden entlang dem Weg von Kolumbus übers Meer folgen. Wir brechen über die blaue Wellpappe zu fernen Ufern auf…
In den Unikaten findet sich auch seine Handschrift wieder, die er in seinen DDR-Büchern ausprägte. Und wer einmal eine – natürlich handgeschriebene – Rechnung erhalten hat, wird sogar diese weniger als Zahlungsaufforderung sondern als kleines geschenktes Kunstwerk empfangen.
Wer seine Bücher sehen und anfassen möchte, sei auf die genannten Messen verwiesen. Ein weitere Möglichkeit soll sein geplantes (?) Cafe und Buchladen in der Bölschestrasse des ehemals von Johannes Bobrowski und Peter Hille bewohnten Berliner Stadtteil Friedrichshagen sein, „book to the roots“ genannt, da auch eine Zahnarztpraxis integriert ist – doch ich selbst stand dort bisher nur vor verschlossener Tür.
Umso mehr sei der Hinweis auf die Webseite des Verlages gegeben, auch wenn diese vom Erlebnis, die Bücher in der Hand zu halten, nur wenig vermitteln kann.

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