Geschichte, Quellen
Schreibe einen Kommentar

„Ins Arbeitslager!“ – ein Bericht über eine verhinderte Opferehrung im KZ Ravensbrück 1985

Die DDR gilt für viele bis heute als ein konsequent antifaschistischer Staat. Dass dies nur eine einseitige, selektive Sicht ist, haben Menschen, die zu dieser Zeit unabhängig vorgegebener Muster Fragen nach der Vergangenheit stellen und Opfern des Faschismus gedenken wollten, schmerzlich erfahren müssen. Der nachfolgende Bericht von Frauen, die die lesbischen Gefangenen im KZ Ravensbrück ehren wollten, hat mich damals sehr bewegt, den Mut der Frauen bewundere ich bis heute.

„KZ RAVENSBRÜCK“

Bericht betroffener Frauen über ihre Versuche Opfer des Faschismus zu ehren

 

Zum zweiten Mal haben Frauen die Erfahrung machen müssen, daß es unmöglich zu sein scheint Opfer des Faschismus zu ehren. Am 10.03.1984 hatte der Arbeitskreis homosexuelle Selbsthilfe Berlin – Lesben in der Kirche – anläßlich des Frauentages eine Fahrt nach Ravensbrück angemeldet, und durch ein Rückschreiben auch genehmigt bekommen. Nach Besuch der … (unleserlich) waren dann der Kranz, den sie niedergelegt hatten, und ihre Eintragung im Besucherbuch entfernt worden. Auf ihre Eingabe hin wurde ihnen u.a. mitgeteilt, daß es jedem Bürger der DDR als Privatperson möglich wäre, Opfer des Faschismus zu ehren, nicht aber einer nicht staatlich anerkannten Organisation oder Gruppe.
Am 20.4.1985 versuchten wir 11 untereinander eng befreundeten Frauen nach Ravensbrück zu fahren, um an der dort zum 40. Jahrestag der Befreiung stattfindenden großen öffentlichen staatlich organisierten Gedenkfeier teilzunehmen. Einige von uns hatten schon die Erfahrungen des Vorjahres machen müssen.
Wir hatten dafür im Blumenladen in der Gaudystraße ein Blumengebinde bestellt, auf dessen Schleifen wir dem Leid unserer lesbischen Schwestern gedachten und mit unseren Vornamen unterzeichneten. Am 19.6. wurde die Frau, welche das Gebinde bestellt hatte, gegen elf Uhr in ihrer Wohnung aufgefordert, zu Klärung eines Sachverhalts auf ein Polizeirevier mitzukommen. Nach einer einstündigen Befragung wurde ihr mitgeteilt, daß uns eine Ehrung von Opfern des Faschismus nicht genehmigt sei, da wir uns allein durch die Reihung unserer Vornamen auf der Schleife uns als Gruppe zu erkennen geben, die gesetzlich nicht anerkannt sei. Beim Verlassen des Befragungsraumes wurde ihr der Satz nachgerufen: „Diskriminieren Sie nicht die Opfer des Faschismus!“
Daraufhin fuhren wir einzeln und ohne dem nunmehr nackten Kranz – der Blumenladen hatte ihn uns ohne Schleifen ausgehändigt – nach Ravensbrück. Allein, als eine Frau am frühen Samstagmorgen gemeinsam mit ihren Freundinnen aus dem Haus trat, warteten bereits zwei zivile Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die sie zur S-Bahn brachten und bis Fürstenberg betont auffällig-unauffällig begleiteten.
Auf dem Bahnhof Fürstenberg wurden ausschließlich wir elf Frauen unter dem Vorwand einer allgemeinen Fahndung von der Transportpolizei festgehalten, unsere Ausweise eingesammelt und wir aufgefordert, in der Bahnhofsvorhalle zu warten. Die Halle war von Reisenden geräumt, ausschließlich wir und zwanzig Transportpolizisten und die uns schon bekannten Männer in Zivil befanden sich dort. Nach ungefähr einer viertel Stunde wurde wir von dreißig uniformierten Bereitschaftspolizisten eingekreist und mit beleidigenden Worten, Schubsen, Püffen und festen Handgriffen zu einem etwa hundert Meter entfernt stehenden LKW der Bereitschaftspolizei getrieben.
Mit Worten wie: „Los rauf da. Dalli dalli. Du wirst Dir Deinen Arsch schon noch breitsitzen!“ wurden wir unter ständigen körperlichen Belästigungen hinaufbefördert.
Auf dem LKW, der erst lange hielt und dann zu einer kleinen Fahrt durch Fürstenberg und Umgebung aufbrach, wurden wir von fünf uniformierten Männern bewacht. Diese schwiegen in Gegensatz zu uns meist oder äußerten Sätze wie „Lieber eine tote Sau ficken“ sowie auf Fragen nach dem wohin der Fahrt: „Ins Arbeitslager!“
Wir vertrieben uns die Zeit mit Singen, vorlesen aus Klemperers LTI und Hilferufen, wenn wir in der Nähe des LKW Bevölkerung vermuteten. Beim Halt auf freier Strecke forderten wir austreten zu dürfen. Die Genehmigung mußte erst vom Vorgesetzten eingeholt werden und wurde mit der Frage „Wo ist die Puppe, die pissen muß?“ erteilt. Aber einzeln, versteht sich. Auf unsere Bitte, die Plane hochzuschlagen, da die Luft im LKW stickig sei, erhielten wir zur Antwort:“Macht doch Eure Hosen zu!“. Wir fuhren wieder nach Fürstenberg und hielten vor der Schule „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“. Wir blieben sitzen und wurden aus dem LKW herausgezerrt, geschleift. Es wurde auch vorgeschlagen, uns einfach auf die Erde fallen zu lassen. Eine Frau wurde tatsächlich vom LKW heruntergestoßen.
Die Schule war von Schülern und Schülerinnen geräumt. Diese waren wahrscheinlich auf der Gedenkveranstaltung, zu der wir auch bloß wollten. Statt dessen wurden wir durch ein dichtes Spalier von Uniformen und Zivil in ein kleines Klassenzimmer dirigiert. Dort wurden wir von drei breitbeinig stehenden Uniformierten bewacht. Wiederum brauchten sie eine halbe Stunde, ehe wir die nicht abschließbaren Toiletten einzeln und im Beisein einer Polizistin benutzen durften. Von einem Herren erhielten wir die energische Aufforderung zum Stehen, sonst könnte sie auch anders. Wir leisteten dem nicht Folge, es passierte nichts. Wir lasen wiederum vor und machten kleine Ratespiele. Nach einer knappen Stunde wurde die erste Frau zur Befragung geholt. Wir anderen folgten in einem Abstand von einer viertel bis halben Stunde. Befragt wurden wir in zwei verschiedenen Räumen von zivilen Beamten der Kriminalpolizei, wie sie sich vorstellten. Wir machten nur Angaben zu unserer Person. Auf Fragen nach unseren Eltern und den „Maßnahmenfür den weiteren Tag“ schwiegen wir. Nach unserer Befragung – einige Frauen sollten Protokolle unterschreiben, andere nicht – fanden wir uns in einem anderen Klassenraum wieder, immer noch ohne Ausweise. Inzwischen haben wir auf unsere nachdrückliche Forderung hin Essen erhalten, kalte Bockwurst, Schrippe und Brause. Erneut mussten wir eine Stunde warten, bis wir unsere Ausweise zurück erhielten, sowie uns genehmigt wird, uns in Fürstenberg aufzuhalten. Jedoch mit der Auflage „ordnungsgemäß, sonst sehen wir uns wieder.“ Bis zur Zugabfahrt und auf der gesamten Heimfahrt wurden wir von den uns schon bekannten zivilen Männern begleitet. Außerdem fuhren in Fürstenberg ständig zwei PKW hinter uns her.

Die Ereignisse des 20. April haben wir der Generalsekretärin des Internationalen Ravensbrück-Komitee Emmy Handke, persönlich geschildert, verbunden mit der Bitte um ein Engagement für uns. Weiterhin werden wir das nationale Ravensbrück-Komitee und den Staatratsvorsitzenden Erich Honecker über den Vorfall informieren und eine Eingabe an das Ministerium des Inneren schicken.

Im Namen seiner Freundinnen
Ute Postler

8.30 Uhr – Festhalten und PA-Kontrolle durch die Transportpolizei
13.20 Uhr (ca.) – Entlassung aus der Schule

Quelle: Privatbesitz, Orthographie entspricht dem Original

Zu dem Thema ist 2006 ein Film entstanden: „Warum wir so gefährlich waren“. Dazu gibt es auch einen ausführlichen Begleittext, der die Hintergründe der Gruppe, der Lesbenbewegung in der DDR und des Gedenkens an die lesbischen Opfer des Nationalsozialismus verdeutlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.