arabic music, Kultur
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Maqam auf Trompete

Wer Klang und Aussehen der gerade gehörten Trompete als ungewöhnlich empfindet, hat ein gutes musikalisches Gespür. Der libanesische Musiker Nassim Maalouf ist wohl einer derjenigen, der auf einem ganz eigenen Weg westliche und östliche Kultur und Musik zusammengebracht hat. Er hat eine technische und künstlerische Möglichkeit gefunden, Maqam und moderne Trompetentechnik zu vereinen.
Maqam (ein arabisches Wort, übersetzt „Standort“, Mehrzahl Maqamat) ist das Tonsystem der vorderasiatischen Musik, das auf einer heptatonischen Tonleiter beruht, aber nur unzureichend mit Tonarten und Modi beschreibbar ist. Sie ist zugleich auch Vorgabe für melodische Intervalle, legt Anfang, Zäsuren und Ende fest, bestimmt Improvisation und Aufführungspraxis. Der Unterschied zur westlichen Melodik liegt u.a. die Charakterisierung der Akkorde, die eine andere als uns vertraute Form der Abfolge der Tonschritte haben. Grundbausteine der Maqam sind sogenannte Adschnas, Abfolgen von 3, 4 oder 5 Tönen, wobei meist jeweils zwei Adschnas ein Maqam ergeben. In den Tonabfolgen sind aber die Tonunterschiede nicht nur wie in der klassischen europäische Musik über einen Halb- oder Ganzton definiert, sondern z.B. im arabischen Maqam auch über Vierteltonschritte. So gibt es z.B. beim Maqam Hijaz oder beim Maqam Jiharkah zweimal einen dreiviertel Tonabstand. Im türkischen Makam (so die dortige Schreibweise) gibt es sogar noch weitere feinere Abstufungen, man geht von Verschiebungen auf Basis eines 1/9 – Tones aus, die selbst schon eine Vereinfachung einer noch feineren Differenzierung eine Halbtones in 100 Abstufungen, Cent genannt, sind. So gibt es im türkischen System z.B. 5/9- oder 8/9 Tonabstände (aber dies ist durchaus wiederum von den Fachleuten umstritten). Ich hoffe, dass ich verständlich genug ausgedrückt habe, deswegen genug der Theorie – ich bin auch nicht der musikwissenschaftliche Experte (diese mögen mir dann auch die eine oder andere Inkorrektheit verzeihen), sondern ich verweise zum tieferen Einstieg ins arabische Maqam gern auch die äußerst informative, wenn auch englischsprachige Website maqamworld. Dort findet man neben umfangreichen Notenbeispielen auch unzählige Hörproben. Es soll hunderte Maqamat geben. Erwähnt sei lediglich noch, dass neben dem arabischen Maqam und dem türkischen Makam weitere ähnliche Tonsysteme existieren, so das aserbaidschanische Mugham, das persische Awaaz und weitere Ausprägungen in Zentralasien.
Verständlich ist aber wohl nach dem Gesagten, dass es oft schwer fällt, mit westlichen Instrumenten diese klanglichen Feinheiten nachzuvollziehen. Mit einer Violine ist es sehr gut möglich – diese hat auch schnell Eingang in die arabische Musik gefunden, deren Instrumente ja entweder auch bundlos sind, wie die arabische Laute, die Oud, oder entsprechend dem Maqam gestimmt sind, wie die arabische Zither, die Kanun. Auf einem Klavier, das zudem seit Bach’schen Zeiten sogar wohltemperiert ist, sind zumindest Maqams mit Vierteltönen es jedoch schlicht unmöglich zu intonieren. Auch auf einer normalen Trompete sind sie nur schwer zu spielen, da die Ventiltechnik auf Halb- und Ganztöne abzielt, Vierteltöne nur durch Lippenmodulation nachzuahmen wären. Hier kommt nun Nassim Maalouf zum Zuge, der eine Trompete entwarf, die um ein viertes Ventil ergänzt ist, das das Spielen des Vierteltons erlaubt. Hergestellt wurde sie in Paris bei der bekannten Instrumentenbaufirma Selmer. Das vierte Ventil spielt Maalouf mit der linken Hand, während die rechte die klassischen drei Ventile bedient. Schön zu sehen ist dies in folgender Konzertszene:

Interessant ist, dass es in der Jazzszene eine ähnliche Entwicklung gab. Hier hat Don Ellis ebenfalls eine Viertelton-Trompete mit vierten Ventil konstruiert. Vielleicht sind es die harmonischen Verschleifungen des Jazz, die arabische Musiker die Nähe und Zusammenarbeit mit westlichen Jazzmusikern erleichtert, obwohl sie oft der Meinung sind, wie schon einmal bei Anouar Brahem geschrieben, dass sie gar keinen Jazz spielen würden. Nassim Maalouf würde sich wahrscheinlich auch nicht als Jazzmusiker begreifen. Er hat eine klassische Trompetenausbildung am Pariser Konservatorium unter Maurice André genossen, weswegen hier auch noch einmal auf ein Stück mit ihm an einer Barocktrompete verwiesen sein soll:

Bekannter als Nassim Maalouf ist sein Sohn Ibrahim Maalouf, der auf dem eben verlinkten Video an seiner Seite zu sehen und zu hören war und ebenfalls sowohl die klassische als auch die arabische Trompete spielt. Hier im Kontrast ein neuerer Titel von ihm. Sieht man ihn sich auf der youtube-Seite direkt an, stößt man bei den Kommentaren sofort auf die erstaunte Frage, wie eine Trompete arabische Skalen spielen könne. Wir wissen nun, wie es geht…

Der Titel und das Video sind eine Hommage an seine Heimatstadt Beirut, in der er 1980 geboren wird. Seine Familie flieht vor dem Bürgerkrieg nach Paris, wo er seine Jugend verlebt. Im Alter von sieben Jahren fängt er seine Trompetenausbildung bei seinem Vater an. Sein musikalischer Weg beginnt, der eigentlich nur als stete Grenzüberschreitung des technisch Möglichen und des Trennenden von Klassik, Jazz, Elektromusik und Rock beschrieben werden kann. Sein Vater unterrichtet ihn sowohl im klassischen Metier wie auch in der arabischen Improvisationstechnik. Mit 15 Jahren spielt er die brandenburgischen Konzerte Bachs auf der Barocktrompete, die technisch und künstlerisch sehr anspruchsvoll sind. Die klassische Ausbildung setzt sich am Konservatorium in Paris fort, in Wettbewerben räumt er ein Preis nach den anderen ab. Seit 2006 unterrichtet er selbst am Konservatorium von Aubervilliers, unserer Jenaer Partnerstadt. Doch das ist eben nur die eine Seite. Schon während der Zeit am Konservatorium wechselt er sich in den Pariser Jazzklubs quer durch die verschiedensten Besetzungen, 1999 gründet er seine erste eigene Jazzband, Farah. Danach beginnt eine fruchtbare Zeit, in der er viele andere Musiker begleitet, wie Lhasa del Sela, Jeanne Cherhal, Sting oder Vincent Delerm. Über die eletronische Musik findet er dem Weg zum Nu Jazz, einschließlich vieler Elemente des Jazzfunks. Letztlich wird sein eigener Stil sich durch die verschiedenen Genres arbeiten, Innigkeit und Kraft vereinen und dadurch besonders werden, dass Maalouf mit seiner mikrotonalen Trompete immer wieder zu seinen arabischen Wurzeln zurückfindet. So bleibt auch Beirut als sein Ausgangspunkt wichtig, hier in einem eher intimen Stück der Wiederkehr:

Im Gegensatz dazu noch einmal die Wirkung, die er live auf der Bühne entfaltet, den Wechsel aus meditativen Teilen, Improvisation, irritierenden Tonfolgen und der Steigerung zu heftigen Funk. Wer dieses Konzert oder andere in voller Länge hören möchte, mag im Netz nach Ibrahim Maalouf au babylon Istanbul 2013 FULL, Ibrahim Maalouf – Jazz in Marciac 2011 oder Ibrahim Maalouf – Festival de Jazz de Vitoria-Gasteiz 2013 nachsehen, wobei ersteres sehr funkig, die anderen mehr jazzorientiert sind.

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