Der lange Text, Politik
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Nahöstliche Irritationen

Strand mit Verschleierten

„Mein Vater ist auch ein Märtyrer!“ ruft B. in den Raum. Wir stehen in seinem Elternhaus in Beit Jala und betrachten seine Bilder, seine Sicht auf die Menschen in Palästina. „Die Entscheidung“ heißt eines, eine nackte schwangere Frau zwischen zwei Männern. Er kann es nicht ausstellen, zu viele Tabus seiner Umgebung bricht es gleichzeitig. Wir sprechen über den Konservatismus der palästinensischen Gesellschaft, die Hoffnungslosigkeit der jungen Leute, die Zwiespältigkeit in seinem Land. Ich erwähne eine Begebenheit meines letzten Besuchs zur Unterzeichnung des Städtepartnerschaftsvertrags von Jena und Beit Jala. Zu Beginn der Zeremonie erklangen die jeweiligen Hymnen, alle hatten sich im Rathaussaal von ihren Sitzen erhoben. Da sagte der Bürgermeister auf einmal, dass wir nun der Märtyrer gedenken. Uns sträubten sich die Gedanken im Kopf. Waren das nicht die Bombenbauer? Sollten wir jetzt Selbstmordattentätern Ehre erweisen? Hinsetzen ging nicht, ein zu großer Affront, Stehenbleiben aber auch nicht. Wir fühlten uns benutzt. Falsch – sagt B., Märtyrer seien alle Toten des Konfliktes. Sein Vater kam während der ersten Intifada eines Abends von der Arbeit nach Hause und geriet unabsichtlich zwischen die Fronten einer Auseinandersetzung zwischen protestierenden Studenten und der israelischen Armee. Sein Wohnhauses liegt einer Außenstelle der Universität gegenüber. Ihn traf ein Schuss in den Rücken, er ist vor den Augen seiner Frau verblutet. Ich schweige beschämt. Also alle Opfer des Konfliktes…

Beit Jala ist noch eine mehrheitlich christliche Stadt. Beim Fleischer auf dem Markt grinst uns ein frischer, fetter Schweinskopf aus dem Schaufenster an. Dafür ruft der Muezzin schon früh um fünf per Megaphon lautstark sein Morgengebet vom Minarett der neuen Moschee zu der benachbarten christlichen Herberge hinüber. Beit Jala baut. Überall Kräne. Es ist viel Geld unterwegs, einerseits von den Auswanderern, manchmal kommt ihr Geld, manchmal, selten, sie selbst wieder mit. Es gibt auch Kriegsgewinnler. Handel und Geschäfte sind auch in Krisenzeiten möglich. Seit der britischen Mandatsverwaltung gibt es die Vorschrift, dass die Gebäude mit dem hiesigen Kalkstein zumindest zu verblenden sind. Die Kalksteinbrüchen sind monopolisiert. Daneben die Politikercliquen. Mir wurde auf der zweiten Reise von der Stadtverwaltung diskret mitgegeben, mich nach der Bibliothek zu erkundigen, die Jena bezuschusst hat, und eventuell ein Foto davon zu machen, falls etwas zu fotografieren sei. Ich werde zurückmelden können, dass der Neubau steht und die Bücher eingezogen sind. Dazwischen Armut, verfallene Häuser, an der Grenze zu Bethlehem das Flüchtlingslager. Mittendrin in allem die jungen Leute auf der Suche nach Jobs, nach Familie, nach Zukunft. Überall Mauern – die israelische Sperranlage, die inneren Grenzen in der Gesellschaft selbst. Die meisten wollen nur noch weg. Ein Jahr später geht auch der lutherische Pfarrer nach Chile. B. malt „Beit Jala verliert seine Farben“. Sie fließen unten aus dem Bild heraus…

Für jüdische Israelis ist Beit Jala eine gesperrte Stadt. Seit der zweiten Intifada ist es ihnen von ihrer Regierung verboten, die palästinensischen Gebiete der Zone A und B zu betreten, Zone C steht dagegen unter der Sicherheitskontrolle Israels. Am Militärposten in der oberen Stadt warnt eine Tafel, dass sie nicht weitergehen dürfen. Hohe Geldstrafen drohen ihnen bei Nichtbeachtung. Vor der Grenzsicherung war es anders. Die Jerusalemer brachten ihre Autos zur Reparatur in die Werkstätten der Stadt, weil sie billig und zuverlässig waren, und fuhren anschließend weiter, um auf den Basar in Bethlehem einzukaufen. In die Gegenrichtung waren die Beit Jalaer unterwegs, um in Jerusalem und den anderen israelischen Städten zu arbeiten. Man lernte sich kennen, sogar Freundschaften entstanden. Das ist nun vorbei, letzte Kontakte werden noch telefonisch aufrecht erhalten, doch sie verlieren sich. Den anderen lernt man nur noch über die Vorurteile der jeweils eigenen Seite nicht zu kennen.

Dabei ist Beit Jala leicht zu erreichen. Ab dem Damaskustor an der Jerusalemer Altstadt verkehrt aller zwanzig Minuten ein Bus nach Beit Jala und weiter nach Bethlehem und dieselbe Strecke zurück. Nur acht Shekel kostet eine Fahrt, weniger als eine Fahrkarte in Jena. Es nutzen ihn jedoch lediglich die arabischen Israelis und die palästinensischen Bewohner von Ostjerusalem sowie einige wenige Ausländer. Dazu diejenigen, die in dem von einem Außenstehenden nicht mehr durchschaubaren Regelwust von Gesuchen und Anträgen, Sonder-, Ausnahme-, speziellen Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen, Tagesvisen, Familienzusammenführungen und Notfällen den gerade richtigen Zettel bekommen haben, um eventuell die Chance zu haben, den Checkpoint zu überstehen. Wobei auch der Zettel nichts nutzt, wenn der Soldat seine Macht demonstrieren möchte.

Ich fahre das erste Mal mit dem Bus nach Jerusalem. Am Checkpoint müssen die meisten arabischen Fahrgäste aussteigen und zu Fuß durch die Kontrolle gehen, die Europäer und einige wenige andere dürfen sitzenbleiben und werden im Bus kontrolliert. Hinter mir ist auf einmal Geschrei – mit viel Bohei schleifen die Soldaten einen Jungen aus dem Bus. Wir fahren auf einen Parkplatz am Rand und warten. Nach einer halben Stunde dürfen die Ausgestiegenen wieder einsteigen, der Junge fehlt. Vielleicht hat er nur das falsche Papier bei sich gehabt, vielleicht wurde er gesucht… Der Bus fährt wieder los. Ein alter Mann sitzt nun neben mir. Irgendwann fängt er zu reden, sein Englisch ist undeutlich und schwer zu verstehen. Er fragt mich, welche Religion ich habe. Ich antwortete, ich sei Christ. Darauf er, er sei Moslem. Alle drei Religionen – Islam, Judentum und Christentum – seien doch Religionen des Friedens. Warum passiere dann so etwas? Ich frage nach, und höre, dass sein Sohn vor einigen Jahren an diesem Checkpoint erschossen worden wäre. Und ich höre keinen Hass, nur Traurigkeit und Müdigkeit. Irgendwo in Jerusalem steigt er aus.

Auf einer Rückfahrt im Folgejahr: Wieder kontrollieren Soldaten den Bus. Sie scherzen laut untereinander, vielleicht ist es ihre letzte Schicht. Sie sind ganz junge Mädchen und Männer, ihr Lachen erfüllt den Bus. Ein Anzugträger auf dem Nachbarsitz beugt sich zu mir und murmelt, dass sie alle Russen seien. Auch ich hatte dies bemerkt und antworte, vielleicht etwas überheblich:“ Da, ja panimaju russki jasyk.“ Nun schaut mich der Mann entgeistert an. Kurz darauf steht er auf und wartet die Minuten bis zur nächsten Haltestelle an der Tür, nicht ohne mir immer wieder befremdete Blicke zu zuwerfen. Ich stelle mir derweil vor, ob er nicht mit den Vätern oder Müttern der Soldaten in der Sowjetunion gemeinsam studiert und gelebt haben könnte.

Das Al-Makrour Gebiet westlich der Stadt ist eines der wenigen noch gut von der Stadt zu erreichenden Gebiete mit Olivenhainen, alten Ölmühlen und Gartenhäusern. Die alten Häuser können nicht repariert werden, es ist C-Zone und dafür erteilt die israelischen Seite kein Einverständnis. Ohne Genehmigung droht aber bei jeglicher Bautätigkeit der Abriss. Es geht die Angst um, dass sich die Sicherungsanlagen auch hier durchfressen. Misstrauisch wird beobachtet, wenn Militärpatrouillen das Gelände durchstreifen. So macht auch schnell die Runde, dass am Vortag das beliebte Ausflugslokal gleichen Namens von der israelischen Armee zerstört wurde. Wir nehmen ein Taxi und fahren hinaus vor Ort. Trümmer liegen herum, die Armeebagger haben Restaurant und Terrasse zusammengeschoben. An der Seite stehen gerettete Küchenmöbel unter einer Plane, im Hintergrund das Wohnhaus ist noch unversehrt. Die Familie sitzt draußen und ist überrascht und erfreut, dass wir da sind. Sie erzählen ihre Geschichte, dass sie erstes Haus in Beit Jala in der Intifada verloren habe. Dann dies hier bauten, ja schwarz, aber es gibt – Zone C – eben keine Baugenehmigung. Es wäre ein beliebter, offener Ort gewesen, alle wären willkommen gewesen, auch Israelis, die hier – Zone C – hinfahren durften. Abrissaufforderungen gab es schon lange. Jüngst kamen wieder welche – von den eigenen Leuten. Als wir die Papiere sehen, erkennen wir das Wappen der palästinensischen Autonomiebehörde. Später erfahren wir, dass hierher gern auch arabische Paare zum Stelldichein kamen, auch unverheiratete. Aus Hebron fuhren viele Moslems herbei, um Wein und Bier zu trinken. Arabische Verfügung, israelische Bagger, palästinensische Arbeiter, die in den Tagen davor die Stromleitung kappten. Als wir am folgenden Tag den Bürgermeister fragen, weicht er aus. Das entscheiden andere Stellen und ja, der Familie wird natürlich geholfen. Ein palästinensischer Freund sagt schulterzuckend, hier haben sich wohl gegenseitige Interessen ergänzt.

Tel Aviv zwanzig Jahre zuvor. Wir sind auf Einladung der israelischen Gewerkschaft Histradut in Israel und fahren mit dem Bus durch die kalkweiße Stadt. Tel Aviv ist der Ort mit den meisten Gebäuden im Stil der Bauhausarchitektur weltweit. Seine Architekten wurden aus Deutschland vertrieben und verbannt, sind geflohen vor den Nazis. Hier in ihrer neuen Heimat, ihrer Zuflucht vor der Verfolgung, bauten sie das, was sie in Weimar und Dessau erlernt haben. In einem Kibbuzzentrum treffen wir zwei alten Veteranen. Sie sitzen mit ihren weißen Rauschebärten vor uns, schwärmen von Bakunin, Marx und Herzl und heißen auch noch Jakob und Josef. Wir bestaunen Gemeinschaftsspeiseräume, Kitas und Großplantagen. Diejenigen unter uns, die in der DDR aufgewachsen sind, vermissen nur noch die Straße der Besten. Nein, sagen die beiden Veteranen, dass war kein Sozialismus, der echte werde hier im Kibbuz gelebt. Doch die Anziehung des gemeinsamen Lebens lässt nach, viele wollen weg – wollen eigene Wohnungen, eigene Autos, kein Einfügen in Gruppen und Tagesabläufe mehr. Eine junge Frau schwärmt von neuen offenen Kibbuzformen in den Hochhaussiedlungen der Großstädte.

Später sind wir mit einer Studentengruppe verabredet. Sie sprechen uns direkt an: „Als wir im Golfkrieg bei den Raketenalarmen zu den Bunkern rannten, habt Ihr gegen den Krieg der USA demonstriert. Ihr habt Kerzen angezündet, während wir erleichtert waren, dass unsere Abwehr die Raketen vom Himmel holte. Während wir froh sind, dass die Amerikaner im Irak eingriffen haben, und wir sicherer leben können, verurteilt Ihr sie als Kriegsverbrecher. Was wollt Ihr hier, worüber sollen wir mit Euch reden?“ Von unserer Gruppe hat fast jeder an den Demonstrationen teilgenommen. Keiner weiß eine Antwort. Betretenes Schweigen breitet sich aus.

Wieder der Sprung vorwärts in das Jahr 2012. Tel Aviv ist eine lebensfrohe, moderne, liberale, westliche Stadt. Der Verkehr ist hektisch und laut. An den Straßen reihen sich die Shops an Kaffeebars. Am Strand rennen Heerscharen von Joggern mit Smartphones am Oberarm und Kopfhörern im Ohr herum. Oben auf der Dachterrasse des Old Jaffa Hostel, wo das Frühstück serviert wird, bietet eine alt gewordene Hippiefrau dazu Tantramassagen, Reikibehandlungen und selbst gewebte Stoffbeutel an. Die alten Gassen ringsherum sind tagsüber ein endloser Flohmarkt und nachts eine nicht enden wollenden Kneipenmeile. Wir sind mit einer Malerin in ihrem Atelier verabredet und betrachten ihre hellen, freundlichen Bilder. Abends sitzen wir mit ihr im Hafenrestaurant, essen Fisch und genießen die Mittelmeerluft. Dann dreht sich das Gespräch. Die Kinder der Künstlerin wollen den israelischen Militärdienst verweigern. Das ist nicht nur strafbar, sondern auch ein Affront gegen die Gemeinschaft der Israelis, der oft mit Ausgrenzung beantwortet wird. Eine schwere Zeit steht ihrer Familie bevor. Alle werden wieder ernst. Eine Freundin der Künstlerin, eine Kunsthistorikerin, zeigt uns die Altstadt Jaffas. Sie wählt grün, auch das ist in Tel Aviv möglich. Vom Park auf dem Hügel über dem Hafen blicken wir auf die Skyline von Tel Aviv in der Abenddämmerung. Sie sagt leise, dass sie sich für die Politik ihrer Regierung schämt, aber Tel Aviv, wo sie lebt, wäre auch eine Insel in Israel. Wir blicken still auf die Häuser am Meer. Zwei Jahre später wird wieder der Raketenalarm über die Stadt erklingen.

Am nächsten Nachmittag am Strand zwischen Jaffa und den Tel Aviver Zentrum. Badende kreischen im Wasser, Steinsammler begutachten die Brandungszone, mehr oder weniger durchtrainierte joggen mit ihren Hunden, in den Strandbars drängen sich die Leute um kühle Biere und Eiskaffees. Hinter uns halten Busse, Kinder rennen heraus und zum Meer, zwischen den braungebrannten Badegästen tauchen verschleierte Frauen auf. Einmal die Woche organisiert eine israelische Organisation eine Busreise von Ramallah an den Strand von Tel Aviv, damit Kinder aus der Westbank einmal das Meer sehen können. Normalerweise wäre dies ihnen durch das Grenzregime verwehrt, aber so können Sondergenehmigungen erwirkt werden. Die Jungen und Mädchen tollen sofort am Wasser, ihre Mütter sind vorsichtig. Doch langsam öffnen sie sich auch, ziehen ihre Schuhe aus, heben ihre langen Gewänder und tasten sich in Nass. Lächeln macht sich auf allen Gesichtern breit, und Lachen hört man auch aus den Schleiern heraus. Eine gemeinsame Freude macht die Runde. Ich schließe die Augen, um das friedliche Bild mitzunehmen – Tel Aviv 2012.

Die Eindrücke stammen von Reisen nach Israel und Palästina 1991, 2011 und 2012. Personen wurden anonymisiert.

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