Statt einer Vorstellung: Interview für den Wahlkampfblog des bündnisgrünen Kreisverbandes Jena vom 23.05.2014

Hallo Tilo. Warum machst du gerade Politik bei den Grünen?

Es war eigentlich ein logischer Weg zu den Grünen, genauer zu den Bündnisgrünen. Meine Wurzeln für Engagement liegen in der kirchlichen Friedensarbeit. Ich habe da in Halle in den 80ern eine Menge gemacht. 1989 arbeitete ich der Uni hier in Jena mit viel Idealismus an deren Veränderung mit, habe den Studentenrat (damals noch ungegendert – ;-)) mitgegründet, dessen Vorsitzender ich eine Zeitlang war, und zudem in vielen Gremien wie Senat und Personalkommission versucht, der Universität ein neues Gesicht zu geben. 1992 bin ich zu den Grünen gegangen. Es war die Möglichkeit – zumindest hier im Osten – undogmatisch Politik zu betreiben, ohne „ismen“, mit einer Verbindung aus Idealen und pragmatischen Bemühen. Die Grünen haben es mir in den nun 22 Jahren nicht immer leicht gemacht, mit jeder Entwicklung bei ihnen Schritt zu halten, aber der Grundkonsens, für eine offene und solidarische Gesellschaft einzutreten und die Folgen des eigenen Handelns für die Zukunft zu bedenken, hat mich dauerhaft überzeugt. Hier in Jena bei den Bündnisgrünen habe ich immer wieder Leute kennengelernt, die ihr Tun nachdenklich reflektieren – für sich selbst und im Gespräch mit anderen. Das ist für mich integre Politik.

Welche Erfolge haben BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in der letzten Wahlperiode erreicht?

Ich drehe die Frage mal in Richtung meines eigenen Tuns, der persönlichen Bilanz. Da sei es mir gestattet zu sagen, dass für mich der schönste Moment der letzten Legislatur war, als der Stadtrat im März 2013 die neue Zuschussvereinbarung mit JenaKultur verabschiedete. Sieben Jahre knochenharte Arbeit, nächtelange Diskussionen, taktische Finessen und immer wieder auch Rückschläge – doch am Ende stand nicht allein mehr und ausreichend Finanzen für JenaKultur, Theaterhaus und freie Szene sowie ein Rahmen für neue Projekte aus der Kulturkonzeption, sondern auch der Durchbruch, dass Kultur und ihre Bedeutung endlich in der Stadtpolitik angekommen ist. Ich hatte damals das Bild des Reeders für mich gefunden – die Schiffe sind nun beladen und wohl ausgestattet und verproviantiert. Nun können sie auslaufen und in eigener Verantwortung ihren Kurs finden.
Daneben hat die Schullandschaft Jenas den Grünen einiges zu verdanken. Dass z.B. die neuen Schulen Kulturanum und Kaleidoskop in Lobeda-West ihre Gründung erleben konnte, war direkt von uns ausgekämpft, dass die Kommunalisierung dieser Schulen möglich war, mittlerweile an jeder weiterführenden Schule gemeinsames Lernen bis zum Abitur möglich ist – ohne die klare und starke Haltung der Bündnisgrünen in der Koalition dazu, wäre manches komplizierter und langsamer verlaufen. Überhaupt hatten wir eine stark vermittelnde Stellung in der Koalition und konnten hier z.B. in Haushaltsfragen oftmals unbewegliche, ineinander verhakte Partner wieder zueinander bringen
Und es gab konkrete Einzelprojekte, die zu einem guten Ende kamen – der Familienservice als Beispiel oder jüngst die nun gegeben Möglichkeit, den Schottplatz zu kaufen, um dort endlich das Naturerlebniszentrum zu errichten.

Wie geht es weiter mit dem Eichplatz?

An den Wahlkampfständen erlebe ich eine starke Erwartungshaltung, dass jetzt es dort weiter geht. Ich denke, wir tun gut daran, nun nicht schnell eigene, vorgedachte Konzepte aus der Tasche zu ziehen, sondern dafür den Prozess der Meinungsbildung ernsthaft, strukturiert und konsequent voranbringen. Ich wünsche mir für die Zukunft eine verbindliche Diskussion der Gesamtstadt darüber. Verbindlichkeit in zwei Richtungen – zum einen, dass in der Politik die Bürgermeinung Geltung bekommt und der Stadtrat diese berücksichtigen muss, zum anderen aber, dass ausdiskutierte und z.B. durch Bürgervoten und nachfolgende Stadtratsbeschlüsse erreichte Etappenziele wiederum nicht zurückgenommen werden müssen. Dabei können wir uns neue Formen vorstellen: Planungszellen oder Charetteverfahren sind dazu zwei Anregungen. Es wird wohl ein Abschichtungsverfahren geben müssen – zunächst zu den sichtbar sehr unterschiedlichen Interessen der Bürgerschaft zu den Funktionen dieses Platzes wie Wohnen, Erleben, Verkehr, Handel etc., dann zu den grundsätzlichen Fragen wie neue Bebauungsgrenzen, Öffentlichkeit des Raumes und Begrünung, später dann zur konkreten Planung und einzelnen Bauten. Wir können als Grüne in diese Diskussion nun frei von den zu starken Kompromissen der letzten Jahre wieder mit unseren ursprünglichen Positionen gehe – Wohnungen schaffen, Begegnung ermöglichen, ein für alle erlebbares Stadtzentrum gestalten mit gute Architektur und starker Einbeziehung von Grün, ja, durchaus auch etwas qualitätsvoller Handel, und alles deutlich verkehrsberuhigt mit den Augen des Flaneurs.

Wie lange schon und warum machst du gerade Kommunalpolitik machen? Ist das nicht langweilig?

Ach, das ist überhaupt nicht langweilig. Nirgendwo sonst in der Politik erfährst du so schnell, unmittelbar und direkt die Folgen deines Engagements und was deine Entscheidungen bewirken oder nicht. Das sind ganz kurze Wege der Rückmeldung aus der Bürgerschaft und umgedreht sind deine Wege sehr kurz, um mit den Betroffenen und Akteuren in Gespräch zu kommen. Und ich schätze in Jena, dass wir hier immer wieder Gesprächsfähigkeit in der Stadt herstellen können, über harte Konflikte in der Sache und politische Grenzen hinweg. Mittlerweile bin ich seit 1994 dabei (mit einer zweijährigen Pause), mich kennen viele und ich wiederum kenne viele, und doch bin ich immer noch neugierig auf neue Begegnungen.
Und wenn man lange dabei ist, erkennt man, dass wirklich guten Entscheidungen lange Prozesse der Meinungsbildung, der Beharrlichkeit und des Durchsetzen von Positionen vorausgehen, dann aber auch der richtige Moment genutzt werden muss. Trau keinem Politiker, der die schnelle Lösung verspricht – ein Stadtratsbeschluss macht meiner Erfahrung nach noch keinen Sommer, um ein Sprichwort abzuwandeln.
Ein letztes: Ich habe nie Ambitionen auf ein hauptamtliches politisches Amt gehabt. Mir ist die existentielle Unabhängigkeit von der Politik wichtig. Da muss man sich weniger schönreden und braucht manche Grenze des Gewissens nicht zu überschreiten. So ist die (letztlich nur scheinbare) Begrenzung auf kommunale Themen auch befreiend.

Welche Akzente möchtest du im Stadtrat setzen? Welche Themen interessieren dich am meisten?

Wo meine thematischen Leidenschaften liegen, ist wohl aus den vorherigen Antworten deutlich geworden und ich brauche wohl nicht zu betonen, dass ich diese im kommenden Stadtrat fortsetzen will. Aber ich habe mich nicht zuletzt in den letzten anderthalb Jahren als Fraktionsvorsitzender in alle wichtigen Themen eingearbeitet. Für mich setzt sich Jena immer mehr als Mosaik zusammen – und formt sich zu einer Vorstellung einer in sich kommunikativen, nach außen offenen, sich ihrer Kreativität bewussten Stadt. Sie hat den unwahrscheinlichen Vorteil einer weitgehend intakten Natur an den Hängen um sich herum und entlang der Saale und der Grünzüge durch die Stadt, die ich erhalten möchte. Und ich möchte den Charme, den diese Stadt in vielen ihre Viertel schon hat, endlich auch in der Innenstadt erleben können. Diese Arbeiten für das Lebenswerte in Jena wird gekoppelt sein mit den notwendigerweise harten Fakten wie Schaffung von Wohnen, Erhalt und Ausbau einer ökologisch ausgerichteten Verkehrsinfrastruktur, Stärkung der innovativen Firmen hier (ich arbeite schließlich in einer solchen) und einen realistischen Blick auf die städtischen Finanzen, dessen Rahmen ich ohne Neuverschuldung sehe.

Welche Hobbies hast du neben der Politik?

Musik entspannt mich am meisten, z.B. sich versenken in Gambenmusik, Liedern von Henry Purcell oder in die Oud-Musik von dem Trio Joubran. In der Natur herumspazieren oder sich von Danny an einem Sommerabend ein Cocktail im Garten des Grünowski mixen lassen. Mit einem guten Buch auf dem Sofa sitzen, gern auch ein guter Krimi. Und Freunde bekochen, mit denen man dann bis spät in die Nacht alles wesentliche und unwesentliche des Lebens bequatscht.