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Zuhören – Anuar Brahem

Noch ein paar Sekunden innehalten. Noch schwingen die sanften Töne. Noch ist der Gedanke irgendwo zwischen Mittelmeer und Wüste beheimatet. Noch schwebt das Gefühl in freundlicher Wehmut.

Ich werde auf meinem Blog eine kleine Serie beginnen, die Musiker mit Wurzeln in Nordafrika und dem Nahen Osten vorstellen soll. Mancher mag den einen oder anderen Namen gehört haben, vielleicht auch ihre Musik kennen. Im Zentrum der musikalischen Wahrnehmung standen sie jedoch zumindest in meinem Freundeskreis mit wenigen Ausnahmen nicht.  Eine kleine Anregung in einer bewegten Zeit von Flucht, Mord und Hass, gar nicht einmal als politisches Statement – oder vielleicht gerade doch. Vielleicht sollten wir ihnen einfach zu hören, sich von ihnen beschenken lassen, ihre eigene Tiefe, Melancholie und Heiterkeit ergründen. Vielleicht entsteht eine Neugier auf Unbekanntes, das noch nicht von  Nachrichten und Vorurteilen festgeschrieben ist.

Beginnen möchte ich mit Anouar Brahem, der schon lange in der arabisch-französischen Jazzszene etabliert ist, auch wenn er für sich selbst dieses Label eher nicht verwendet. Geboren 1957 in Tunis, erhielt er seine Ausbildung an der Oud, der arabischen Laute, am dortigen Konservatorium. Seit seinem achtzehnten Lebensjahr widmet er sich ausschließlich der Musik. Kontakt zum Jazz bestand schon in Tunis, als er 1981 nach Paris ging, begann seine Zusammenarbeit mit europäischen Vertretern dieses Faches. So arbeitete er insbesondere in den 90ern u.a. mit Jan Garbarek zusammen und ist über Manfred Eicher zum ECM-Label gekommen. Die Rückbindung nach Tunesien blieb aber präsent, seine großen Erfolge feierte er immer wieder beim Internationalen Festival von Karthago.

Er spielt meist in Formationen, die sich auf dem arabischen Takht beziehen. Hier spielen mehrere Musiker heterophonisch, d.H. dass eine Basismelodie von allen Instrumenten gespielt wird, in Laufe des Stückes die einzelnen Stimmen sich aber improvisierend allmählich von einander entfernen und auch nacheinander solistische Parts übernehmen.  Neben der Oud, Brahems Instrument, sind in der klassischen Zusammensetzung einer Takth oft die  Ney (eine arabisch-persische Längsflöte), die Kanun (eine Zitherart), die Riq oder die Bendir (beides Rahmentrommeln) oder die Darbuka (eine Bechertrommel) zu hören, dazu solistische Gesangsstimmen, in neuerer Zeit auch die Violine, die dabei das alte Streichinstrument Kamanjah ersetzt. Wir werden Musik mit diesem Hintergrund noch öfters begegnen. Anuoar Brahem ergänzt und ersetzt jedoch oft diese Instrumente z.B. durch Klarinette, Piano oder  E-Gitarre, die sich auch in der Stimmung von der arabischen Harmonik unterscheiden und deren Zusammenspiel sich erst finden muss. So verbindet sich intime arabische Kammermusikspielweisen mit europäischen Klängen. Ein Grund wohl, warum uns seine Musik so seltsam vertraut wie fern zugleich erscheint. Eine minimalistische, fast puristische Formensprache, die mir aber tiefe Räume öffnet.

Im letzten Herbst hat Brahem das erste Mal nach sechs Jahren wieder eine neue CD veröffentlicht. „Souvenance“  heißt sein neues Projekt, Erinnerung an den arabischen Frühling.

„Wir wurden ins Ungewisse geschleudert und erlebten dies mit einer Gefühlsmischung aus großer Angst, Freude und Hoffnung. Was passierte, überstieg schlicht unser Vorstellungsvermögen. Es dauerte lange, bis ich in der Lage war, diese Musik zu schreiben.“Anuar Brahem im „Jazzecho“

Diese Ungewissheit und Spannung findet sich in der Intensität der Musik wieder. Dabei wird sie kein politische Aussage, sondern ist seine sehr individuelle Reaktion auf diese Ereignisse. Auch seine CD „The astaounding Eyes Of Rita“, aus dem der erste Titel stammt, kann man in ähnlicher Weise als Reflektion auf den Nahostkonflikt hören.  „Souvenance“ wurde im Juli 2014 auf dem Festival von Karthago uraufgeführt. Wer hineinhören möchte, kann es über diesen Link tun.

Innehalten. Zuhören.

1 Kommentare

  1. Matias sagt

    In der aktuellen Sinn und Form ist übrigens eine wunderbare Erzählung über den Tod der „kabylischen Nachtigall“ Noreddine Ait Kaci zu lesen. Zwischen Algeriern und Franzosen im Unabhängigkeitskrieg hatten seine asfrou und isfra keine Chance. Geschrieben hat Emmanuel Roblès den Text schon 1959.

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